Kurzgeschichte



Nie wieder wegrennen

Und da stand ich nun.
Alleine und ganz allein auf mich gestellt.
Wie lange hatte ich auf diesen verdammten Moment gewartet.
Gehofft, dass ich noch einmal eine Chance bekäme.
Und jetzt stand ich hier.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, in meinen Ohren rauschte mir das Blut.
Dich dabei war mein Herz mir doch gerade voll in die Hose gerutscht.
Ich sollte einfach wieder umdrehen und wegrennen.
Da wusste ich wenigstens, wie ich es tat. Hatte genug Erfahrung darin.
Aber genau jetzt hatte ich die Möglichkeit bekommen, das Alte zu begraben und meine Fehler zu beheben.
Zwei Jahre lang und länger war ich nur weggelaufen.
Ich hatte es satt.
Nun war ich schon so weit gegangen, einen Rückzieher konnte ich nicht mehr wagen.
Uns so trat ich einen Schritt weiter in sein Blickfeld…

 

Ich glaube, seinen Gesichtsausdruck werde ich niemals wieder vergessen.
Ein wenig überrannt, ein wenig schockiert, aber am meisten überrascht.
Ob positiv oder negativ konnte ich nicht sagen.
Ich konnte nicht einmal sagen, was ich in dem Moment genau fühlte.
Was mir erst später klar wurde, war, dass ich es gebraucht hatte.
All die Jahre.
In dem Moment war es, als wäre ich wieder in dem damals.
In dem Damals, als ich noch keine Panikattacken hatte.
Als ich noch ohne Schlaftabletten zum Einschlafen gebraucht hatte.
Als alles noch ok war. Als meine Welt noch heil und ganz war.

Und doch ging es mir danach dreckig.
Nicht etwa, weil etwas vorgefallen war, sondern, weil ich jetzt endlich wusste, was mir die letzten zwei Jahre gefehlt hatte, mir jedoch auch klar wurde, dass er mir für immer fehlen würde.
Dass das mit uns nie wieder hundertprozentig klappen würde, wie es mal gewesen war.
Wir beide hatten uns verändert, waren weitergegangen.
Er hatte abgenommen, ich endlich zugenommen.
Er hatte eine neue Freundin, ich schon meinen zweiten neuen Freund. Und beide taten uns besser als wir beide uns gegenseitig damals.
Und doch fehlte er mir, doch ich durfte keinen Anspruch mehr auf ihn erheben.
Ich hatte ihn damals gehen lassen, ja fast schon weggeschickt.
Sie war besser für ihn.

Er strahlte so sehr, wie er bei mir nie gestrahlt hatte.
Und ich gönnte es ihm von Herzen.
Auch wenn ich noch immer einen großen Teil meines Herzens auf seinen Namen überschrieben hatte.
Ich musste nach vorne schauen.
Und das war der Grund, weshalb ich ihn sehen musste.
Auch wenn wir nicht groß gesprochen hatten und er beschäftigt gewesen war.
Ich wusste nun, was mir fehlte und dass es ihm gut ging.
Mehr wollte ich gar nicht.
Und so stand ich nicht mehr nur vorne dran, sondern ging des Öfteren zu ihm.
Wagte Schritte und verhalf mir selbst endlich zum Heilen meiner inneren Wunden, von denen ich gedacht hatte, dass sie für immer bluten würden.
Ich konnte endlich damit soweit abschließen, dass es mir wieder besser ging.

Ich ging zu ihm, aber nicht zum Stalken oder zum Beobachten, sondern um mit ihm zu reden.
Über Gott und die Welt.
Stellte ihm meinen Freund vor.
War endlich wieder glücklich, auch wenn ich hin und wieder eine Dosis von ihm brauchte.

Die Abhängigkeit, die Jahre zuvor angefangen hatte, würde vielleicht niemals vergehen.
Doch ich hatte ihn wieder.
Als guten Kumpel, wenn nicht sogar als besten Freund.
Und ich hoffte, ich würde ihn niemals wieder gehen lassen.
Nie wieder den gleichen Fehler machen und wieder da stehen, unsicher, was ich hier tat.


~ Ann-Kathrin Kälberer * 26.10.2016 ~

 


~



Anmerkungen

Das Ende war so nicht gedacht, nicht so gewollt.


Vor zwei Jahren – auf den Tag genau – war ich ganz unten.
Ich war mit meinem damaligen Freund auf den Tag genau ein halbes Jahr zusammen, saß in Bremen mit meiner Familie und mein damaliger Freund hatte sich seit Wochen nicht gemeldet.
Eine Woche später machte ich Schluss. Via WhatsApp.
Ich wollte nie, das es endete, doch ich war zerbrochen und hatte falsche Kontakte.

Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich je gänzlich über ihn hinweggekommen sei.
Ich bin es nie.
Noch heute bekomme ich Herzrasen, wenn ich etwas von ihm höre, und sei es nur eine kleine Nachricht.
Wenn ich vor ihm stehe, bekomme ich ganz weiche Beine – noch immer.
Vielleicht geht das bei der ersten großen Liebe auch niemals weg.

Er war meine Muse.
Ich schrieb reihenweise Texte und Geschichten wegen und über ihn.
Auch als ich dann wieder einen neuen Freund hatte, schrieb ich doch alles noch wegen ihm.
Und ich lügen, würde ich sagen, dass es heute nicht auch noch so ist. Seht euch doch nur den Text hier an!
Er war meine Muse und ist es heute noch.
Und das wird mir wahrscheinlich irgendwann noch zum Verhängnis.
Vielleicht auch, weil ich für ihn platonisch noch immer Liebe empfinde.
Und doch liebe ich meinen jetzigen Freund. Und das nicht nur platonisch.
Nennt mich komisch oder nicht, aber das hier sind eh nur Anmerkungen, die im Endeffekt niemals jemand lesen will, also ist es doch auch egal…

 

~ Ann-Kathrin Kälberer *26.10.2016 über den 26.10.2014 ~




Zuletzt geändert: 30.01.2017 17:30:05

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