Kurzgeschichte



Sie rannte - Teil 2

Sie rannte.
Schneller als sie je gerannt war.
Sie rannte und wurde nie mehr gesehen…

 

Ob man mich vermisst?, fragte sie sich hin und wieder.
Ob sich jemand Gedanken über mich macht?

Die Tage wurden länger, die Nächte dunkler und einsamer.
Ob mich je jemand gesucht hat

Sie kannte noch jedes einzelne Gesicht, jeden zugehörigen Namen.
Hin und wieder erinnerte sie sich an Stimmen und Gespräche, die lange schon verklungen waren.
Manchmal stellte sie sich vor, sie würden ihr etwas erzählen, mit ihr sprechen.

Doch da war niemand.

Sie war einsam und alleine hier, doch sie konnte nicht zurück.
Dafür war sie schon viel zu weit gegangen.
Dafür war sie schon viel zu lange hier.

Schon vor langer Zeit hatte sie aufgehört zu rennen.
Sie war es leid geworden.

Und jetzt, da sie hier war, wo sie nicht wusste, wo genau sie war, wurde aus allem langsam nichts.

Nichts hatte mehr Wert.
Angefangen hatte es mit ihr selbst.
Sie hatte für sich selbst keinen Wert mehr gehabt.
Damals hatte sie alles andere mehr gewichtet als sich.
Jedoch war das bereits gewesen, als sie noch nicht gerannt war.
Als alles noch in Ordnung gewesen war.
Sie hatte für sich keinen Wert mehr gehabt, es aber niemandem gesagt oder gezeigt.
Nur sich selbst.

Und dann war sie hie her gekommen.
Damals hatte alles für Wert. Nur sie selbst nicht.
Erinnerungen an Stimmen, Gespräche, Gesichter, Namen, einfach alles.

Später wusste sie es besser.
Niemand vermisste sie.
Niemand suchte nach ihr.
Niemand dachte auch nur an sie.
Sie war nicht nur für sich selbst ein Nichts, sie war es auch für alle anderen.
Und so verloren auch sie ihren Wert.
Ihre Gesichter.
Die Gespräche mit ihnen.
Die Erinnerungen an jeden einzelnen.
Sie machte sich nichts mehr daraus.

Sie waren alle für sie gestorben.

Jeder einzelne.

 

~ Ann-Kathrin Kälberer *Unbekannt  ~




Zuletzt geändert: 30.01.2017 17:30:05

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