Kurzgeschichte



Nachtgedanken [Prototyp]

Und da stand sie nun. Die Tiefe unter ihr im Blick, mit der Hoffnungslosigkeit im Herzen.

Seit Jahren ging das nun schon so. Und seit Jahren war keine Besserung oder gar Aussicht auf ein Ende dieser Qualen in Sicht gekommen. Stattdessen war alles nur noch schlimmer geworden. Und mit jedem Tag war eine zu Anfangs kleine Stimme immer lauter geworden und hatte an Platz in ihren Gedanken zugenommen. Sie hatte sich eingenistet und war nun unausweichbar.

Egal, ob morgens beim Aufstehen, bei ihren täglichen Aufgaben oder unter der Zeit. Immer war sie nun da.

Besonders vor dem Abend hatte sie Angst, denn da kam die Stimme mit voller Wucht und sie hatte nichts, was sie davon ablenken konnte.

Anfangs, da hatte sie die Stimme mit Leichtigkeit ausblenden können. Da fand sie dieses kleine Flüstern völlig wertlos und unwichtig. Sie war doch so klein, als alles angefangen hatte.

Doch jetzt zeigte ihr die Stimme, wie groß sie sein konnte. Wie sehr solch eine einzige Stimme ihren Alltag und ihr Leben bestimmen konnte. Wie sie ihre Träume beherrschen konnte, die sie begleiteten, egal wohin sie ging.

In einem dieser Träume war sie auch hier gestanden. Da hatte sie auch in dieses trübe Nichts unter sich geblickt. Und dort war sie gesprungen.

„Augen zu und durch. Es kann doch nur besser werden“, flüsterte ihr die Stimme zu. „Spring endlich!“, schrie sie mit der Zeit.

So lange, bis sie direkt am Abgrund stand. Nur ein kleiner Schritt war noch zu gehen, und alles wäre vorbei. Der ganze Hohn, die Hänseleien, unter denen sie auch nach so vielen Jahren noch litt. Der Druck, der - anstatt abzunehmen - immer größer wurde. Die ständigen Streitereien, die sie jedes Mal wieder so fertig machten.

Sie fand einfach keinen Gefallen, keinen Sinn mehr an dem Ganzen, das sich „ihr Leben“ nannte.

Alles, was sie wollte, war, das Ganze zu beenden. Sie hatte genug. Ihr Leben konnte doch nicht nur aus Im-Zimmer-sitzens und Von-Allen-fertig-gemacht-werdens bestehen. Jedoch war es so. Es bestand einfach nur noch daraus.

„Spring!“, hörte sie die gedankenbetäubende Stimme schreien.

Langsam lockerte sie ihren Griff, verlagerte das Gewicht nach vorne.

Und hielt inne.

„Was machst du denn?! Spring doch einfach! Es ist doch so einfach! Mach es dir nicht unnötig schwer, verdammt! Wurde dir nicht so oft gezeigt, dass man auch loslassen muss? Lass los von diesem Leben, das kein Leben mehr ist. Es hat doch eh keinen Sinn mehr!“

Doch in diesem Moment überdachte sie noch ein letztes Mal die Worte, die sie gerade gehört hatte. Nie war es für sie leicht gewesen, alles loszulassen, was man ihr anwies. Zwar musste sie vielleicht schon früh lernen, damit umzugehen, aber leicht? Nein, leicht war es nie gewesen.

Unwillkürlich musste sie daran denken, was ihre Familie wohl gerade tat. Schlafen. Friedlich in ihrem Bett liegend schlafen, nichts ahnend.

Auf dem Esstisch lag der Abschiedsbrief.

Sie würden wohl darüber hinwegkommen, dachte sie sich. So schlimm war der Verlust einer Tochter bei drei Kindern doch nun auch wieder nicht. Erst recht nicht, wenn es die Tochter war, auf die eh niemand stolz zu sein schien. Wann hatte man sie denn das letzte Mal gelobt? Wann hatte sie ein nettes Wort wegen ihrer Leistung gehört? Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit.

Ihre Klassenkameraden würden eher froh sein, wenn sie endlich weg wäre. Sie war doch eh nie willkommen gewesen. Eher eine Einzelgängerin, die ausgegrenzt wurde, und wenn sie versuchte dazuzugehören, wurde sie ausgelacht, runtergemacht und wieder nur gehänselt.

Und ihr Freund… der würde es auch irgendwann verstehen. Immerhin hatte er auch solche Gedanken gehabt. Zwar war es heute nicht mehr so, aber er konnte sich bestimmt in ihre Lage versetzen.

Sie wollte ihm niemals Schmerzen bereiten, hatte gesagt, sie sei immer für ihn da, wenn er sie bräuchte. Doch er würde es bestimmt verstehen. Sie hatte ihm niemals wirklich helfen können. Hatte zwar alles in ihrer Macht stehende getan, doch nie hatte es auch nur ansatzweise gereicht.

So war es doch jedes Mal.

Noch einmal sah sie sich die Szenerie, die sich ihr ergab, an, und ließ los.

Doch sie fiel nicht.

„Du bleibst hier“, raunte eine Stimme in ihr Ohr und der Griff um ihrem Bauch, der sie festhielt, wurde enger.

Tränen sammelten sich in ihren Augen. Wieso war er hier, wieso ließ er sie nicht einfach gehen? Wieso ließ er sie nicht einfach sterben…

„Wir gehen jetzt einen großen Schritt nach hinten. Weg von der Kante“, flüsterte er und zog sie mit sich von dem Abgrund weg.

Ihren Blick hob sie währenddessen gen Himmel und fragte sich innerlich, warum sie nicht einfach sterben durfte, um nach dort oben zu kommen. Sie wollte einer dieser kleinen leuchtenden Sterne werden, die in dieser Dunkelheit strahlten.

Die trotz Dunkelheit strahlten.

„In dieser Dunkelheit kann es irgendwann auch einmal Licht geben“, murmelte sie leise. Mit diesen Worten brach sie in seinen Armen zusammen.

In dieser plötzlichen totalen Finsternis leuchteten mit einem Mal viele Bilder auf. Sie sah, wie sie als kleines Kind noch so viel Freude am Leben hatte. Auch wenn sie mal am Boden gelegen hatte, war sie doch jedes Mal erneut aufgestanden, ohne groß darüber nachzudenken.

Die dunklen Seiten wurden zensiert, dafür die schönen Zeiten hervorgehoben.

Da war ihr erster Kuss, der für sie im Nachhinein keine wirkliche Bedeutung mehr hatte. Und dann die erste richtige Beziehung, die zwar gehörig gescheitert war, ihr jedoch wichtige Türen geöffnet hatte.

Zwischendurch kamen Bilder mit einigen ihrer Freunde, als der Kontakt noch ein wenig besser war. Doch abgebrochen war er auch nicht.

Doch das hatte sie immer wieder ausgeblendet. Einfach vergessen, dass sie immer auf sie zählen konnte.

Und dann kamen die Situationen, die alles sprengten.

Ihre erste große Liebe. Eine richtige Liebe, wie sie sie zuvor nur in Filmen gesehen und in Büchern gelesen hatte.

Vor ihm war sie immer der Meinung gewesen, ihr Ex-Freund wäre es gewesen, der ihre erste große Liebe verkörperte, doch ihr jetziger Freund zeigte ihr, dass es niemals eine echte Beziehung gewesen war und sie dort doch nur ausgenutzt worden war.

Sie sah sie beide wieder, wie sie ihren ersten Kuss zusammen hatten, der so nie geplant gewesen war. Seinen Blick, wenn er sie schlaftrunken ansah und sie hörte sein Lachen, das sie so sehr an ihm liebte und welches sie gegen nichts in der Welt getauscht hätte.

Die ganzen Momente, die sie mit ihm hatte, flogen in die Finsternis und hellten diese gehörig auf. So lang, bis ein großes, weißes Licht entstanden war.

--

„Bitte, komm zurück…“

Seit einer gefühlten Ewigkeit saß er nun schon mit ihr hier und noch immer hatte sich nichts getan. Sie war einfach so zusammengesunken, nachdem er sie von der Gefahrenzone weggezogen hatte. Er wusste einfach nicht mehr weiter. Hatte er nicht schon alles in seiner Macht stehende getan? War der Sprung vielleicht doch nur eine einfache Ablenkung gewesen und sie hatte irgendetwas eingeworfen und war bereits tot?

Doch nein, das konnte nicht sein, denn immerhin spürte er noch ihren Puls, wenn auch recht schwach.

Es gab ihm Hoffnung.

Mit der Zeit wurden die Vorwürfe in seinem Kopf immer lauter. Er hatte früher da sein müssen, dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen. Er hätte sie heute niemals allein lassen dürfen. Hätte bei ihr sein sollen. Jetzt war es vielleicht schon zu spät.

Wenn er den Zettel doch nur schon früher bemerkt hätte, den sie ihm zugesteckt hatte. Wenn er doch nur schon früher davon gewusst hätte.

Die Vorwürfe wurden immer mehr und mehr. Und je mehr sie wurden, desto lauter wurden sie.

Was, wenn sie es nun nicht schaffen würde? Er könnte es sich niemals verzeihen. Mit geschlossenen Augen vergrub er sein Gesicht in ihren Haaren und flüsterte ein sanftes, jedoch trauriges „Ich liebe dich, Schatz. Bitte bleib bei mir. Komm bitte wieder zurück“, in ihr Ohr.

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Das weiße Licht schien ihr so einladend, beinahe befreiend. Sie war gewollt, ihm zu folgen. Es schien so friedlich.

Doch kurz bevor sie ihrer Entscheidung nachgehen konnte, zwängte sich noch ein kleines Bilderband zwischen sie und das Licht. Es war damals, einige Tage nach ihrem ersten Kuss. Sie waren noch nicht richtig zusammen, da es auf ihrer Seite noch einige Komplikationen gegeben hatte, die sie noch zu beseitigen hatte, ehe sie mit ihm eine feste Beziehung eingehen konnte. Ein wenig hatte sie auch Angst, dass es alles wieder nach hinten losgehen könnte und sie doch nicht gut genug für ihn war. Und doch war sie sich sicher gewesen, dass das alles seine Richtigkeit hatte. So sicher war sie sich in ihrem Leben noch nie gewesen. Und dann kam dieser eine Moment. Wie sie da einfach nebeneinander saßen, beide nicht so ganz wussten, wie sie anfangen sollten, und er dann plötzlich sagte: „Ich hab‘ mich in dich verliebt“ und sie ihm dasselbe sagte. In diesem Moment war sie einfach nur überglücklich gewesen. Die Bilder blendeten sich wieder aus und noch ein weiteres schob sich ein. Sie auf einer alten Parkbank. Mit ihrem Lebensgefährten. Wer es war, konnte sie nicht sagen, doch was sie erkennen konnte, war, dass beide ins hohe Alter gekommen waren.

Da saßen sie nun und sahen zurück auf ihr Leben. Ein Leben mit Höhen und Tiefen. Mal mehr und mal weniger. Auf ein Leben, das viele verschiedene Wendungen beinhaltete. Das aus vielen kleinen und großen Erinnerungen bestand. Schönen und Traurigen. Und dort auf dieser kleinen, alten Parkbank saß sie und war doch glücklich. Obwohl ihr Leben nicht unbedingt immer gut war und sie teils richtig schwere Zeiten mitmachen musste, hatte es am Ende doch noch einen Sinn gehabt:
Sie hatte gelebt, hatte Erfahrungen gesammelt, diese weitergegeben und war einigen in Erinnerungen geblieben.

Doch eines war ihr besonders wichtig: Sie war glücklich.

Langsam glitt dieses Bild in die Finsternis, anders als die anderen Bilder, die ins Licht verschwunden waren.

„Entscheide dich“, sprach eine Stimme zu ihr. „Leben oder gehen. Entscheide dich!“

Doch sie hatte sich bereits entschieden.

--

„Bitte komm zurück…“ Wie ein Mantra wiederholte er diesen Satz. In seinen Augen war schon viel zu viel Zeit vergangen. Eigentlich machte das ganze schon gar keinen Sinn mehr, und das wusste er auch. Die Winternacht war kalt, sie selbst war unterkühlt und auch ihm wurde immer kälter, jedoch hatte er auch keine Kraft mehr, sie irgendwo ins Warme zu bringen. Allein bei dem Versuch würde er hilflos zusammenbrechen.

„Ich liebe dich auch“, hauchte die Stimme seiner Freundin. Leise, dass er sie fast überhört hätte. Doch er hatte es nicht. Er hatte die Stimme gehört.

„Schatz! Schatz, wach auf!“, sprach er auf sie ein, doch sie tat es nicht. Sie wachte nicht auf.

Schnell sah er nach ihrem Puls, doch da war nichts mehr. Nicht einmal mehr ein Hauch von Leben konnte er noch fühlen.

Tränen strömten seine Wangen hinab und langsam näherten sich seine Lippen ihrer Stirn. Sanft gab er ihr dort einen Kuss, während er seine Schluchzer unterdrückte.

Danach ließ er von ihr ab und wandte sich um. Er konnte ihren Anblick so nicht mehr länger ertragen. Leise weinte er vor sich hin, ballte seine Hände zu Fäusten und schlug auf den Boden ein. Wütend war noch gar kein Ausdruck für das, was er in diesem Moment empfand. Er hatte sie verloren. Für immer.

Er hatte sie verloren und es war seine Schuld, sprach er zu sich selbst.

 

Auf einmal schmiegten sich zwei Arme um ihn und raue, trockene Lippen drückten ihm einen Kuss in den Nacken.

Erschrocken schrie er auf.

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Die Reaktion war zu erwarten gewesen, dachte sie sich, als sie sich von hinten an seinen Körper schmiegte.

Sie würde ihn nicht mehr loslassen, zumindest für diesen Moment.

Ihre innere Stimme hatte sie vor die Frage gestellt, ob Leben oder gehen, doch sie hatte all die wunderbare Zeit mit ihm gesehen und das, was irgendwann noch kommen würde, und so hatte sie sich gegen den Tod entschieden.

Sie hatte doch ihn, den allerbesten Freund, den sich ein Mädchen wie sie sich nur wünschen konnte, und sie würde mit ihm durch diese Zeit gehen.

Ihn wollte sie nicht verlieren, genauso wie ihre beste Freundin und ihren besten Freund. Wie hatte sie sie alle nur so in den Hintergrund stellen können.

Ihr Freund weinte nun nur noch mehr. Wortlos nahm sie ihn einfach nur in den Arm. Er hingegen erschütterte unter seinen Schluchzern und sie sprach einfach nur: „Pscht, ich bin doch da“, auf ihn ein. „Ich bin doch wieder da…“, flüsterte sie an seinem Ohr.

„Mach‘ sowas nie wieder! Ich will dich nicht verlieren, ich würde das nicht verkraften. Nicht auch noch du…“, schluchzte er.

„Ich verspreche es dir. Nie wieder.“

Nach einer kurzen Zeit der Stille flüsterte sie an sein Ohr: „Ich liebe dich so sehr…“

„Ich liebe dich auch“, antwortete er, ehe er sie vor sich zog und seine Lippen ihre trafen.






*

*Ann-Kathrin Kälberer ~ 26.12.2014*



Zuletzt geändert: 30.01.2017 17:30:05

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