Kurzgeschichte



Bilder vor mir

Bilder vor mir. Bilder von mir. Mit anderen. Bilder von mir mit anderen vor mir. Ich hasse es.

Nicht, dass ich es hasse, sie zu sehen. Ich mag sie. Sie sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Aber ich hasse die Bilder. Am liebsten würde ich sie verbrennen, zerreißen, zerstören. Doch sie sind Erinnerungen. Erinnerungen an eine tolle Zeit. Eine schöne Zeit. Ich glaub, ich kann mir keine bessere Zeit vorstellen.

Und doch, ich kann diese Bilder nicht ertragen. Nicht ertragen, mich darauf zu sehen. Mich, das kleine hässliche Entlein, aus dem scheinbar niemals was werden kann. Seht mich nur an. Alle anderen auf diesen Bildern sehen so schön aus, so schön wie die Erinnerungen selbst. Doch ich? Ich sehe aus wie der Abfall, der dabei rauskam. Den niemand sehen will.

Ich höre, wie die Tür aufgeht. Wie jemand in mein Zimmer reinkommt. Leicht spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich weiß genau, wer das ist. Er fragt mich, was ich mit den Bildern mache. Ich antworte nicht. Was soll ich auch sagen. Sowas wie: ich seh mir die Bilder an und hasse mich daran?

Was würde er da sagen? Würde er es verstehen? Dieses eine Mal? Er weiß doch, dass ich Probleme mit mir habe, aber ob er weiß, dass das gerade mein Problem ist?

Das sind voll die schönen Bilder von uns beiden, sagt er. Zeigt dabei auf das eine Bild von uns beiden, wo ich selbst so furchtbar aussehe. Was findet er daran bitte schön?

Ja, er sieht gut aus. Er sieht mehr als gut aus. Das ist so ein Bild, wo er so aussieht wie Zucker, wo ich ihn am liebsten geküsst hätte. Er hat so einen süßen Ausdruck im Gesicht, was mich jedes Mal dahinschmelzen lässt, wenn ich das Bild ansehe. Das einzige, was mich das Bild hassen lässt, bin ich.

Ich weiß nicht, warum ich mich nicht leiden kann. Aber jeder sieht nun mal Meilen besser aus als ich.  „Das hässliche Entlein“, haben sie mich früher immer gerufen. Damals. Und doch hat es sich bis heute in mein Gehirn gebrannt. Auch wenn ich mich seit damals verändert hab. Aber es geht nicht mehr weg. Es bleibt. Und bleibt. Und bleibt. Und niemand kann etwas daran ändern. Nicht mal er.

Er fragt mich, warum ich so traurig gucke. Ihm fällt auf, dass ich Tränen im Gesicht habe, die ich verstohlen wegzuwischen versuche. Er soll nicht sehen, dass ich wieder so nahe bin, einen Zusammenbruch zu erleiden. Ich will nicht, dass er sieht, wie kaputt ich im Inneren wirklich bin.

Langsam hebt er mich hoch, nachdem er mich zu sich gedreht hat. Nimmt mich in den Arm. Ohne ein Wort.

Ich danke ihm. Dafür, dass er versteht, dass Worte nicht helfen. Nicht mehr. Dass ich genau jetzt, in diesem Augenblick, nur ihn brauche. Mehr nicht. Er hält mich, stellt keine Fragen, streicht mir nur über den Rücken und den Kopf und sagt gar nichts. Ich bin ihm so dankbar, dass er da ist. Mich hält. Mich nimmt, wie ich bin. Mich. Das hässliche Entlein von damals.

Die Frage, warum er mich immer noch will, obwohl ich so bin, wie ich bin, geht nicht mehr aus meinem Kopf heraus. Wieso? Weshalb ich?

Ich bekomme nicht einmal mit, dass ich laut denke. Bis er mir eine Antwort gibt.

„Weil du so bist, wie du bist. Ich finde, du bist das hübscheste Mädchen, das ich je sehen durfte. Es ist mir egal, was andere sagen oder gesagt haben. Alles was ich weiß, ist, dass ich stolz bin, ein Mädchen wie dich zur Freundin zu haben. Ich liebe die Bilder mit dir drauf. Mit uns drauf. Weil sie uns zeigen, wie wir sind. Nicht verstellt, nicht gekünstelt, einfach wir. Ich liebe, dass du so bist, wie du bist, weil du dabei natürlich bist. Weil du du bist. Mehr will ich nicht. Nur dich.“

Mit diesen Worten drückt er mich noch fester an sich, und spricht dann weiter: „Ich wüsste nicht, was ich machen würde, wenn du nicht mehr da wärst. Was ich machen würde, wenn es dich nicht gäbe. Für mich gibt es nur dich – so wie du bist. Und du bist wundervoll.“

Tränen rennen über mein Gesicht, tropfen an meinem Kinn hinab auf seine Schulter und sammeln sich dort in seinem T-Shirt. Die Farbe dort wird immer dunkler, je mehr Tränen dort ankommen. Doch ich kann sie nicht stoppen.

Seine Worte kommen langsam aber sicher in kleinen Paketen bei mir an, und je mehr ich davon verstehe, desto mehr Tränen laufen.

Kann ich mir sicher sein, dass er es ernst meint? Seine Augen sagen es zumindest mal. Doch wenn auch sie lügen?

„Sieh mal, wir sind jetzt beinahe ein Jahr zusammen, meinst du nicht, dass du mir da vertrauen könntest, wenn ich dir so etwas sage. Wieso zweifelst du so an dir?“, frage er mich, als er meinen Blick sieht. Ich bin noch immer am Heulen.

Und dann erzähle ich ihm alles. Alles, was in meinem Leben schief gelaufen, alles, was vorgefallen, alles, was mir angetan worden ist. Er hört sich alles an, unterbricht mich nicht und hält mich einfach nur weiter in seinen warmen, starken Armen. Mehr brauche ich beim Erzählen auch nicht. Und das ist es, was mich schlussendlich ändert. Genau hier. In diesem Moment.

„Du weißt, dass das lange her ist, oder? Du bist nicht mehr das kleine Mädchen von damals. Du bist jetzt mein Mädchen, das mir den Kopf verdreht hat und wunderschön ist. Die von damals wussten doch nicht mal, was „hübsch sein“ bedeutet. Du warst damals auch schon schön, das sieht man auf den ganzen alten Bildern in euren Fotoalben. Du bist mein hübsches Mädchen, auf das ich stolz bin. Ich liebe dich.“

Ich bin durch. Er hat genau den Punkt getroffen, der mich die ganzen Jahre beschäftigt hat. Und ich schenke ihm Glauben. Denn irgendwie machen seine Worte Sinn. Vielleicht habe ich mich die letzten Jahre einfach nur von den Worten anderer verunsichern lassen, beeinflussen lassen, und dabei war es nie so, wie sie es mir eingetrichtert haben. Vielleicht soll ich ihm genau jetzt vertrauen, jetzt, wo er genau das Gegenteil dazu sagt, wie das, was mir vorgegaukelt worden ist. All die Jahre.

Wir stehen noch eine ganze Weile hier, fest umschlungen voneinander und halten uns einfach nur gegenseitig. Er hat Recht. Ich bin kein kleines hässliches Entlein mehr. Vielleicht war ich es auch nie.

Langsam löse ich mich von ihm. Sehe auf die Bilder hinunter. Und ja. Ich hasse sie nicht mehr. Ich kann mich ansehen. Ich kann mich ansehen, ohne gleich den Drang zu bekommen, die Bilder zu zerstören. Sehe mein Lachen, mein Lächeln, mein ich. Neben ihm. Und ich mag es.

Liebevoll sieht er mich an. Und ich kann nichts anderes machen, als ihn zu umarmen und ihm von tief in mir drin zu danken. Dafür, dass er mir die Augen geöffnet hat. Die Augen geöffnet zu mir.






*

*Ann-Kathrin Kälberer ~ 15.10.2015*



Zuletzt geändert: 30.01.2017 17:30:05

Text & Design © 2012-2017 by &
Impressum