Kurzgeschichte



Auf Ewig Vereint

 

Langsam ging sie durch die kleine Gasse.  Leise und vorsichtig, um nur keine Geräusche zu erzeugen.

Sie war sich im Klaren darüber, dass es nicht ihre beste Idee gewesen war, alleine von der Party nach Hause zu laufen. Genauso gut hätte sie auch bei jemandem, der nichts Alkoholisches zu sich genommen hatte, mitfahren können. Oder sie hätte einfach eines der öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Für was gab es Bus und Bahn denn, wenn sie sowieso nicht genutzt wurden? Doch ihr Entschluss war gefallen und der Weg zu ihrem Apartment auch nicht mehr weit.

Die Umgebung war leise und kein einziges Geräusch war zu hören – wenn man die Laternen außer Acht ließ, die beim gelegentlichen Flackern knisterten. Einige gingen auch für einige Momente aus, wobei sie dabei mehr Krach als Licht machten. Durch die wenige Helligkeit war die kleine Straße nicht einmal halb so gut beleuchtet, wie man es um diese Uhrzeit benötigte. Doch der Alkoholanteil in ihrem Blut war so hoch, dass es sie nicht interessierte. Hätte sie sich nun jedoch in nicht-alkoholisiertem Zustand befunden, hätte sie sich beeilt, nach Hause zu kommen. Alleine schon aus Angst vor Streetgangs, die im Schatten um sie herum lauern könnten. Generell war diese Region der Stadt hier berühmt berüchtigt für die vielen Überfälle, die hier - Tag ein, Tag aus - geschahen.

Doch da sie heute Abend eindeutig zu tief ins Glas geschaut hatte, blieb sie nun auch stehen und bestaunte die kleinen Fliegen, die sich um das Licht der Laterne versammelt hatten. Sie fand diese Tierchen in diesem Moment so faszinierend, wie sie so Richtung Helligkeit flogen, jedoch von dem Glas davon abgehalten wurden, weiter hinzukommen.  Durch die Hitze, die in der Glühbirne herrschte, wären sie innerhalb weniger Sekunden verbrannt.

Beeindruckt konnte sie ihren Blick nicht abwenden. Und während sie so unter dem Lichtschein stand, kam ihr die Frage in den Kopf, was die Licht-Süchtigen - wie ihr Kopf diese kleinen Viecher benannt hatte - wohl am Tage machten. Immerhin war dann alles hell und sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Fliegen ins Weltall fliegen würden, nur um der Sonne näher sein zu können. Die einzige relevante Antwort, die ihr in den Sinn kam, war, dass sie wie Orientierungslose in der Gegend herumschwirrten und sich nicht entscheiden konnten, in welche Richtung sie nun fliegen sollten. Die Vorstellung kam ihr so witzig vor, dass sie laut auflachte.

„Was gibt es denn zu lachen?“ Die raue, tiefe Stimme war direkt hinter ihr. Zwar hatte sie niemanden kommen hören - doch erschrocken hatte sie sich trotzdem auch nicht.

Stattdessen fragte sie – ohne sich umzudrehen, geschweige denn den Blick von der Lichtquelle zu nehmen: „Wer will das wissen?“

Durch den Alkohol lallte sie nicht gerade wenig, doch sie selbst bekam durch die Promillezahl in ihrem Blut nichts davon mit.

Keine Antwort. Ein kleines bisschen verwirrt drehte sie sich nun doch zu der Stimme um. Doch dort war niemand. Einmal drehte sie sich um ihre eigene Achse, doch konnte niemanden ausfindig machen. Wiederum war ihr durch die Drehung jetzt so

schwindelig geworden, dass ihr Schädel so stark pochte und sie alles doppelt sah. Außerdem machte der Alkohol das Ganze nicht wirklich besser und am liebsten hätte sie sich gerade in einen naheliegenden Busch übergeben, doch sie konnte der Versuchung gerade noch widerstehen.

Durch die Stimme lag ihre Aufmerksamkeit nun nicht mehr auf dem Laternenpfahl – dieser war bereits aus ihrem Kurzzeitgedächtnis verschwunden. Stattdessen suchte sie die Umgebung nach dem mysteriösen Fremden ab, doch die gesamte Gasse lag einsam und verlassen da. Keine Spur eines weiteren menschlichen Wesens. Nicht einmal ein Tier war zu sehen.

Frustriert seufzte sie tief, ehe sie sich wieder auf den Heimweg konzentrierte. Der Boden war zum größten Teil mit bunten Blättern bedeckt und die Bäume rundherum waren so kahl wie die Wände in der Psychiatrie.

„Da sollte ich mal vorbei schauen", dachte sich die Frau. Immerhin bildete sie sich bereits Stimmen von fremden Männern ein.

Bei der nächsten Lampe erhaschte sie einen Blick auf die Hauswand eines Gebäudes, an welcher ihr wüste Beschimpfungen in unterschiedlichen Farben ins Auge stachen. Doch eines war bei allen gleich: Alle waren sie in grellen Tönen verfasst. Heutzutage war alles immer grell. Neonfarben, wie die Menschen diesen Zustand benannt hatten. Hauptsache, es hob sich von dem Rest ab. Die Rechtschreibung war grottenschlecht, doch die Kids von heute hatten dafür einfach kein Gefühl mehr.

„Schade eigentlich", dachte sie sich. Sie verstand die Jugend nicht – auch wenn sie mit ihren 21 Jahren eigentlich auch noch in diese Kategorie gehörte. Bei ihr hatte die Rechtschreibung immer einen hohen Rang gehabt. Vor Frust, aber auch der Einsicht, dass sie langsam aber sicher erwachsen wurde, sich ihr damit auch die heutige Jugend weiter entfremdete und sich wirklich alles veränderte, entfuhr ihrer Kehle ein Seufzen. Die Zeit tickte unterdessen ohne Unterbrechung weiter. Nichts war auf dieser Erde für die Ewigkeit.

„Was ist denn so traurig?“ Wieder diese Stimme. Doch dieses Mal würde sie nicht warten. „Wer bist du?“, fragte sie direkt, während sie sich zu der Stimme hin umdrehte. Doch auch dieses Mal war dort niemand. Nur ein leichter, kühler Luftzug, der sie frösteln ließ. Langsam wurde es merkwürdig. Schnell wandte sie sich zum Weitergehen und ließ den Rest hinter sich liegen. Das Geschmiere an den Wänden, die Fliegen an der Laterne, an die sie sich nicht mehr erinnerte, und die mysteriöse Stimme. Ihre Schritte verfielen in einen hektischen Rhythmus. Sie wusste überhaupt nicht, vor wem oder was sie da davon lief. Alles, was sie wusste, war, dass sie weg musste. Und zwar schnell.

Vor lauter Hektik stolperte sie über ihre eigenen Beine. Sie konnte sich generell kaum noch auf den Beinen halten. Das Blut rauschte in ihren Ohren und ihr Schädel pochte.

Als sie mit dem Boden in Berührung kam, war sie wie gelähmt und wollte nicht mehr aufstehen. Doch sie musste.

Das Blut tropfte von ihrem Bein, wo sie sich die Knie bei dem Sturz aufgerissen hatte. Dabei war auch ihre Netzstrumpfhose in Mitleidenschaft geraten und nun von Blut getränkt, doch sie achtete nicht darauf. Ebenso blendete sie den Schmerz einfach aus, stand auf und rannte weiter. Weiter von der Dunkelheit zum Licht. Und vom Licht zur Dunkelheit. Der Weg zog sich merkwürdig in die Länge. Normalerweise hätte sie schon längst zu Hause sein müssen. Ihre Wohnung kam immer näher – und

doch kam sie nicht an.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verließ die Kraft ihre Beine und sie sank in sich zusammen. Alles von ihrem Körper fühlte sich taub an, doch das Atmen ging erstaunlich gut. Ein wenig hob sie ihren Kopf, um noch abschätzen zu können, wie weit sie noch zu laufen hatte, da realisierte sie, dass sie ihre Haustür bereits erreicht hatte. Und so nahm sie all ihre Kraft zusammen und schleppte sich die letzten vier Stufen bis zu ihrer Tür hinauf, schloss diese auf und kämpfte sich in ihr Schlafzimmer. Jede Tür hatte sie vorsichtshalber hinter sich abgeschlossen. Obwohl verriegelt es wohl eher traf.

Ein kleines bisschen paranoid kam sie sich vor, doch was sollte sie machen? Sie konnte eine Stimme hören, jedoch keine Menschenseele sehen. Sie war wirklich von allen guten Geistern verlassen, dachte sie sich, als sie ihre blutdurchweichte Strumpfhose versuchte auszuziehen. Doch sie bekam es nicht hin. Und so schob sie es auf den hohen Alkoholpegel, der sich in ihrem Blut befinden musste.

„Dann fang ich halt mit dem Kleid an." Sie würde es zurück in den Schrank hängen – da, wo sie es herhatte. Nächstes Jahr würde sie es wieder herausholen - nächstes Jahr am 31.10.

Also genau in 364 Tagen. Aber sie war sich sicher: An Halloween würde sie nie wieder so einen großen Absturz erleiden. Niemals.

„Niemals“, flüsterte sie leise. Das von diesem Jahr war ihr eine Lehre. „Schon Stimmen zu hören… So etwas ist mir auch noch nicht passiert…“

„Wieso denn Stimmen?“, fragte die raue, männliche Stimme von vorhin. Mit einem erschrockenen Aufschrei drehte sie sich um. Sie hatte damit gerechnet, dass sie erneut niemanden vorfinden würde. Doch da stand jemand. Und genau dieser jemand war der eigentliche Auslöser und Grund für ihren alkoholischen Ausflug gewesen.

„Du…“, wisperte sie ungläubig. „Ja, ich… Es tut mir leid“ Mehr sagte er nicht. Und so standen sie einfach nur da. Er, der in ihre wunderschönen, blauen Augen, die ein wenig von Grün hatten, schaute und sie, die ihren Blick auch nicht von deinen Augen nehmen konnte. Doch irgendetwas war anders.

Zum einen, dass seine sonst so strahlenden blauen Augen so grau und matt erschienen. Sie hatte sie immer so gerne funkeln sehen, doch nun waren sie so freudlos. Leblos. Doch das Merkwürdigste und sogleich das, was ihre Verwirrung überhaupt erst ausgelöst hatte, war, dass er gar nicht hier sein konnte. Eine kleine Träne schlich sich in ihr Auge.

„Wie…Du…hier?“ Sie bekam nicht einmal einen vollständigen deutschen Satz zustande. Und die gestammelten Worte trieften auch nur so vor Trauer, denn ihn hier und jetzt so lebendig vor sich zu sehen – es war so unbegreiflich für sie. So unwirklich.

Die Träne, die sich zuvor in ihrem Auge angesammelt hatte, lief ihr nun langsam über die Wange, hinterließ dort eine lange Spur und perlte am Ende an ihrem Kinn ab. Ob sie auf dem Boden ankam, interessierte sie nicht. Ihr Blick war immer noch auf sein Gesicht geheftet.

Einen tiefen Atemzug – sie versuchte sich, ihre Gedanken und ihre Worte zu sammeln und zu ordnen – und sie fing ein weiteres Mal an. „Wie kann das sein? Du bist… oder warst… tot…“. Wieder versagte ihre Stimme.

Erst gestern war die Beerdigung gewesen. Danach war sie ohne Umschweife zu einer der zahlreichen Partys zu Halloween hier in der Gegend gefahren und hatte dort versucht, den

Schmerz des Verlustes zu betäuben. Für einige Stunden hatte sie es nun sogar geschafft. Einfach nicht mehr daran gedacht. Dies lag aber wohl zum größten Teil abermals am Alkohol, der sie alles durch einen dichten Nebel hatte sehen lassen. Nun war alles wieder so klar und die Erinnerung an all das Vergangene schmerzte nun nur noch mehr.

„Du hast recht. Ich bin tot.“ „Aber wie kann das dann sein?“ Ihre Stimme war erstickt und zitterte.
„Ich habe eine Aufgabe und diese gilt es zu bewältigen.“ Falten legten sich auf ihre Stirn und sie fragte sich, was er wohl damit meinte; Was seine Aufgabe war.

Als habe er ihre Gedanken gelesen, antwortete er: „Du wirst erwartet.“ Sie hatte keine Ahnung, was er damit nun meinte und was er von ihr wollte. Ohne ein weiteres Wort nahm er sie bei der Hand. Sie hatte erwartet, dass seine Hand entweder eiskalt oder furchtbar heiß wäre. Viel hatte sie über das Thema schon gehört - vor allem aber in Büchern über Engel gelesen. Doch sie war so wie bei allen anderen Menschen auch. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Einfach durchschnittlich. Und wieder erkannte sie, dass das, was in den Büchern über Engel geschrieben wurde, alles nur auf Vermutungen und Thesen beruhte, die aber allesamt nicht belegt waren. Wenn er überhaupt ein Engel war - für sie war er es auf jeden Fall.

Keinen Mucks gab sie von sich, als er sie mit sich davon führte. Durch jede Tür, die sie vorhin noch sorgfältig abgeschlossen hatte. Nun war es, als habe man sie nie verriegelt. Alle ließen sie sich aufstoßen – ohne auch nur den geringsten Widerstand zu leisten.

Auf der Straße draußen gingen sie zu der Straßenlaterne zurück. Dort stand mittlerweile eine kleine Menschenschar, die sich im Kreis um etwas aufgestellt hatte. Als die beiden näher traten und einen Blick auf die Ursache der Versammlung erhaschen konnten, verschlug es der 21-Jährigen die Sprache. Dort lag eine Leiche – und sie sah ihr so erschreckend ähnlich.

„Alkoholvergiftung“, murmelte ihr Freund neben ihr. „Du hattest zu viel Alkohol im Blut.“  Ihre Augen weit aufgerissen wandte sie sich zu ihm.

„Ich bin tot?“ Er gab ihr keine Antwort wie Ja oder Nein, sondern nahm sie wieder an der Hand und nickte leicht. Nun verstand sie auch, weshalb sie ihre Strumpfhose nicht hatte ausziehen können. Zwar hatte sie bluten können, doch auch auf der Straße war nichts von der roten Flüssigkeit zu sehen gewesen. Vieles ergab für sie nun einen Sinn.

Wie aus dem Nichts erschien vor ihnen ein großes weißes Tor, welches offen stand und durch welches weißes Licht auf sie schien. Es sah einladend aus, fand sie.

„Willkommen im Reich der Toten“, flüsterte er. Sie fröstelte bei dem Gedanken daran, nun tot zu sein. Doch war sie auch mehr als froh, nicht alleine diesen letzten Schritt ihres so kurzen Lebens bewältigen zu müssen, sondern mit ihm dort hindurch gehen zu können. Dem Leben, das nun gleich beendet sein würde. Sie würde es hinter sich lassen wie zuvor die Straßenlaterne; mit dem kleinen Unterschied, dass sie niemals wieder zurückkommen würde und dass sie sich an ihr Leben erinnern würde. Sie wusste zwar nicht, was auf sie zukommen würde, doch wer wusste schon, was die Zukunft einem bringt? Eines wusste sie: Bereit war sie. Bereit diesen letzten Schritt zu tun.

Und so liefen sie gemeinsam – Hand in Hand – ins Licht und ließen ihr endliches Leben auf der Erde hinter sich und fingen ein

neues, unendliches Leben an. Weit hinter der Vorstellungskraft des Menschen. Dort, wo kein Lebender jemals gewesen ist - bis zu dem Zeitpunkt, als er gestorben ist.

 

~

 

Ein Doppelgrab auf dem Heimatfriedhof. Mit den Namen beider obendrauf, mit Blumen, einigen Steinen und einer Kerze verziert.

Geschrieben auf dem Grabstein stand:

 

„Auf Ewig Vereint“.

 

~Ann-Kathrin Kälberer & Rebecca Cowly *2013~



Zuletzt geändert: 30.01.2017 17:30:05

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