Forever And Ever - I Am Lost Without You


9. Morgen bringt Sorgen 3


 

Ich hatte noch weitere drei Brötchen verschlungen, ehe es selbst für mich zu viel wurde. In mir breitete sich das satte Gefühl, das mir signalisierte, dass, wenn ich noch weitergegessen hätte, ich mich bald hätte übergeben müssen. Also hörte ich lieber auf.

Der Rest war schon etwas länger fertig und alle hatten nur noch auf mich gewartet.

Es war scheinbar offensichtlich, dass ich nun auch endlich fertig war, denn sofort schossen die Fragen nur so aus Raphaels, Falks und Mums Mündern.

„Halt! Ich versteh ja gar nichts!“, unterbrach ich das Stimmengewirr. Augenblicklich waren alle still. Endlich.

Wir einigten uns darauf, erst einmal keine Fragen zu stellen, sondern erst zu erzählen, was geschehen war.

Als erstes waren Falk und Grace dran.

 

Falks Sicht

 

Flashback

 

Wir standen gerade beim Bäcker. Grace wollte ihre Tochter und Gideon mit einem Frühstück überraschen und daher noch einige Brötchen kaufen. Da sie sich sicher war, dass Charlotte, Leslie und Raphael auch da sein würden, bestellte sie gleich noch einige mehr.

Wir hatten gerade bezahlt und Grace hatte die Brötchen genommen, da klingelte mein Telefon. Als ich einen Blick auf das Display warf, wurde mir ganz mulmig im Bauch. „Anonymer Anrufer“

Ganz toll. Wer will da was mit unterdrückter Nummer von mir? War das wieder einer dieser Klingelstreiche der Jugend oder was war da los? Dieses miese Gefühl ließ mich einfach nicht los.

„Was ist denn? Wieso gehst du denn nicht dran?“, fragte mich Grace ungeduldig.
„Nummer unterdrückt“, gab ich ihr als Antwort. Sofort wurden auch ihre Gesichtszüge straff.

Mit zitternden Händen nahm ich ab. Wir waren in der Zwischenzeit nach draußen gegangen und einige Schritte zu unserem Auto gelaufen.

„Hallo? De Villiers hier?“ Sonst klang es nie wie eine Frage, aber jetzt war es anders. Wieso wusste ich auch nicht. Ich musste auch meine Stimme unter Kontrolle halten, dass sie nicht anfing zu zittern.

„Schönen guten Tag, Mr De Villiers. Schön, sie zu hören“, kam es aus dem Lautsprecher meines Handys. Die Stimme war leicht verzerrt gewesen und meine Angst dadurch nur noch mehr gesteigert worden.

„Was wollen Sie von mir?“, brachte ich heraus. Die Frage lag mir schon die ganze Zeit auf der Zunge.

„Ich will gar nichts von Ihnen. Ich will nur, dass Sie wissen, dass Sie und Ihre Frau Gwendolyn Shepard und Gideon De Villiers in deren Wohnung auffinden können. Doch auch Sie können nichts mehr für die Beiden tun. Sie sind tot.“

Ich blieb stehen und konnte nur perplex den Hörer angucken. Kaum hatte er fertig gesprochen gehabt, kam auch schon der Signalton, dass der andere Gesprächspartner aufgelegt hatte. Somit konnte ich auch nichts mehr fragen.

‚Das glaub ich nicht‘, dachte ich mir. ‚Das kann nicht wahr sein‘

Grace sah mich fragend an. Ich hatte den Lautsprecher auf leise gehabt, sodass sie nichts verstehen konnte. War wohl auch besser so.

„Scheiße“, murmelte ich vor mich hin.

Auf den immer noch fragenden Gesichtsausdruck bei meiner Frau antwortete ich nur: „Ich erklärs dir im Auto.“

Denn jetzt war ich noch nicht in der Verfassung, es ihr zu erklären. Ich hoffte, es wäre nur ein Scherz. Ein blöder Streich. Ich glaubte mir aber selbst nicht.

Ich scheuchte sie schon beinahe ins Auto rein, setzte mich hinter das Lenkrad und raste los.
Wie sollte ich Grace erzählen, dass ihre Tochter tot in ihrer Wohnung lag?

„Wer war das am Telefon?“, fragte sie mich nach einiger Zeit des Schweigens. Ich war mir immer noch nicht sicher, wie ich es ihr erklären sollte.

„Ich weiß es nicht. Er hat seinen Namen nicht genannt und seine Stimme war verzerrt“, gab ich als Antwort. Erschrockenheit machte sich auf ihrem Gesicht breit.

„Und was wollte er von dir?“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Jetzt musste ich es ihr also wohl oder übel erzählen.

„Er wollte nichts von mir. Er wollte mir nur etwas sagen“, brachte ich zwischen den Zähnen hervor gepresst und musste schlucken.

„Muss ich dir denn heute alles aus der Nase ziehen?“, fragte mich Grace. „Also, was wollte er dir dann sagen?“

Ich konnte nicht mehr anders. Jetzt musste ich ihr die Wahrheit sagen und ich hoffte, sie würde nicht gleich hier neben mir zusammenbrechen, während ich fuhr.

„Er sagte, wir könnten Gwendolyn und Gideon in ihrer Wohnung auffinden.“
Die Erschrockenheit wich und Verwirrung breitete sich aus.
„Wie „auffinden? Ich verstehe gar nichts“ Das konnte ich nur zu gut verstehen.
„Er meinte, wir könnten auch nichts mehr für sie tun. Sie seien tot.“
„WAS?!?!“

Genau die Reaktion hatte ich mir vorgestellt.

„Das… das kann doch nicht sein…“, Grace liefen die Tränen in Strömen die Wangen runter.

Wir waren bereits angekommen. Der Verkehr war nicht so schlimm gewesen und der Bäcker lag ja auch nicht so weit von der Wohnung meiner Nichte und ihrem Freund und meinem Neffen x-ten-Grades entfernt. Außerdem war ich über einige rote Ampeln gefahren, aber das machte mir im Moment weniger Sorgen.

Schnell stieg ich aus dem Auto aus und rannte einmal um den Wagen herum, um Grace die Tür aufzuhalten und sie zu stützen.

Sie weinte noch immer und ich konnte sie nur zu gut verstehen. Mir ging es nicht anders, außer, dass ich es nicht so sehr zeigte wie sie es tat.

Wir liefen über die Straße und mir fiel auf, dass ich meinen verdammten Schlüssel wieder mal zuhause vergessen hatte. Gideon hatte ihn extra für mich anfertigen lassen. Für Grace und mich versteht sich. Ich hatte zwar keine große Hoffnung, dass uns irgendjemand öffnen würde, aber einen Versuch war es wert.

Also klingelte ich. Wir standen einige Zeit vor der Tür, aber nichts regte sich. Grace weinte immer heftiger neben mir, weswegen ich sie in den Arm nahm und fest an mich drückte.

Verzweifelt klingelte Grace, nachdem sie sich leicht von mir gelöst hatte und ihr Klingeln war um einiges kraftvoller und länger als meins. Ich merkte, wie sie ihre ganze Verzweiflung in dieses Klingeln hineinsteckte.

Plötzlich ging die Tür auf und eine aufgelöste Charlotte trat in sie, wodurch mein Schatz mit klingeln aufhörte.

Grace stürzte an Charlotte vorbei und stieß sie unsanft aus dem Weg. Zum Glück hielt ich diese gerade noch fest, ansonsten wäre sie wohl hingefallen. Kaum hatte ich mich jedoch davon überzeugt, dass ihr auch nichts fehlte, sprintete ich auch schon meiner Frau hinterher. Ich fand sie im Wohnzimmer vor einer riesen Pfütze knien. Beim genaueren Hinsehen erkannte ich, dass es sich hierbei um keine normale Pfütze handelte und musste schlucken. Das war alles Blut. Mehr als ¾ des Bodens im Wohnzimmer war voll mit Blut. Die Brötchen, die Grace zuvor noch in der Hand hielt, waren auf dem kleinen blutfreien Teil gelandet, doch die Dinger waren mir im Moment mehr als egal.

 

„Wie konnte so etwas passieren? Ich hatte Lucy doch damals versprochen, auf sie aufzupassen…“, fing Grace an, doch der Rest ging in Schluchzern unter.

Charlie war uns nicht gefolgt. Wo sie war und was sie hier machte, wusste ich nicht. Genauso wie ich nicht wusste, wo Gwen und Gideons Leichen waren. Doch interessieren tat es mich nicht wirklich. Nur, dass der Mann am Telefon vorhin Recht gehabt hatte.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte Grace trösten, doch dafür müsste ich erst mich selbst trösten. Und das ging einfach nicht.

Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, seit wir meine Nichte das letzte Mal gesehen hatten. Dabei war es erst vorgestern gewesen.

Die Erinnerung an diesen Tag schmerzte. Wie sie mit Nick, Caroline und uns zu Mittag gegessen und dabei mit Gideon noch herumgealbert hatte und wir danach noch alle einen Film angesehen hatten. Wir waren aus dem Haus von Grace‘ Familie ausgezogen, denn dort hatte man ja keinen richtige Privatsphäre. Und generell durfte man dort nichts machen.

Wir besaßen nun ein kleines Anwesen hier in der Gegend von Gwendolyns Wohnung. Und genau hier waren wir nun und das schien bald nicht mehr Gwendolyns Wohnung zu sein, denn wenn sie tot war, brauchte sie ja auch keine Wohnung mehr...

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Es reichte schon, dass Grace hier weinte. Ich musste stark für sie sein. Und doch war ich in meinem Inneren genau das Gegenteil. Ich hätte schreien können. Doch was hätte es gebracht. Das brachte die Beiden auch nicht zurück…

‚Wieso?‘ schoss es mir durch den Kopf. Zuerst haute Paul in die Vergangenheit ab, weil wir so blöd waren und dem Grafen gehorcht hatten. Und jetzt war seine Tochter tot. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, dass dies aufgrund des Grafens passiert war, weshalb ich mir die Schuld für ihren Tod gab.

Meine Gedanken wurden durch ein Brummen und ein darauffolgendes Scheppern unterbrochen.

Grace‘ und mein Kopf schnellten beinahe synchron zu der Geräuschquelle. Was ich dort sah, ließ mich erstarren. Verwirrt sah ich sie an. Das konnte doch jetzt nicht wirklich sein, oder? Man sagte uns doch, sie seien tot und im ganzen Wohnzimmer war Blut. Wie konnten sie dann jetzt dort so quicklebendig stehen?

„Aber… Wie…“ Mehr bekam ich in meiner Verwirrung nicht mehr raus. Aus meiner Starre war ich auch noch nicht wieder erwacht.

Grace war da ganz anders. Sie schrie „Gwen!“, sprang auf und rannte auf ihre Tochter zu. Diese war sichtlich über die Situation überrascht und ließ sich von ihrer Mum umarmen.

Nach einer Weile und nachdem Gwendolyn bereits ein bisschen blass geworden war, sagte sie zu Grace: „Grace, alles ist gut. Ich bin ja da, Mum“ um sie zu beruhigen. Man hörte heraus, dass sie keine Luft mehr bekam. Die Arme.

Scheinbar schien es aber zu funktionieren, auch wenn Grace bei dem Wort „Mum“ zusammengezuckt war. Gwen nannte sie ja eigentlich auch nur noch Grace, auch wenn sie immer wieder versicherte, dass Grace immer ihre Mutter wäre. Egal, was passieren würde. Und auch, wenn Lucy eigentlich ihre richtige Mum wäre. Sie sagte einmal:

„Na und? Dann hab ich halt zwei Mums. Hat nicht jeder.“, was mich zum Lächeln brachte. Die Erinnerung war so schön. Grace war damals in Tränen ausgebrochen. Aber nicht in Trauertränen, sondern in Freudentränen.

 

„Nein, nichts ist gut. Wieso liegt da so viel Blut? Und wieso seid ihr beiden voller Blut? Und wieso wurde uns gesagt, ihr wäret…“

Bei der Bemerkung, dass auf dem Boden alles voller Blut war, ließ sie ihre Tochter los und versuchte ihren Worten noch mehr Kraft zu verleihen, indem sie auf das Blut zeigte.

Jetzt erst fiel mir auf, dass Gwendolyns und Gideons Kleider nur so vor Blut trieften. Neben Gideon stand Raphael und hinter ihnen standen noch Leslie und Charlotte. Und sie alle waren etwas mit Blut verschmiert und sahen aus, als hätten sie alle geheult. So ungefähr mussten dann also wir aussehen. Nur ohne das Blut.

Doch die drei anderen hatten nicht so viel Blut an sich wie Gwen und Gid. Ok, was war hier los?

Grace nahm auch Gideon in die Arme und drückte auch ihn so lange, bis der Arme schon so blass war, dass er wohl keine Luft mehr bekam.

Gwendolyn wollte ihn scheinbar vor schlimmeren bewahren, denn sie fing wieder an zu reden: „Wir erklären es euch. Aber können wir davor vielleicht frühstücken? Ich hab‘ einen gewaltigen Kohldampf“

Und als würde er Gwens Worten nur noch mehr Druck verleihen wollen, knurrte auch schon ihr Magen.
„Ja, natürlich“ Grace war genauso wie ich immer noch neben der Spur.

Gideon entschuldigte sich und Gwendolyn und meinte, sie müssten sich noch schnell was anderes anziehen. Ja, das sollten sie wirklich. So vollgeschmiert mit Blut sollten sie vielleicht nicht unbedingt herum rennen.

Doch sie blieben eine ganze Weile weg, sodass wir uns doch schon wieder einige Sorgen machten.

Aber da kamen sie ja schon wieder. Wir konnten also endlich frühstücken und dann würden wir endlich unsere Antworten bekommen…










Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

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