Forever And Ever - I Am Lost Without You


7. Morgen bringt Sorgen 2


 

Gwendolyn:

Flashback

Am nächsten Morgen wachte ich in zwei starken Armen auf. Hach, wie ich Gideons Nähe liebte. Er strahlte immer so eine wunderbare Wärme aus und roch so gut, weshalb ich auch einmal tief seinen Geruch einatmete.

Es dauerte einige Momente, bis ich realisiert hatte, dass er und ich beide keinerlei Textilien anhatten. Doch das störte mich schon lange nicht mehr. Anfangs, und gerade bei meinem „Ersten Mal“ mit Gideon war das ganz anders gewesen. Damals schämte ich mich richtig für meinen Körper und so brauchte es einige Zeit, bis Gideon mir endgültig klar machen konnte, dass ich mich für meinen Körper nicht schämen musste…

Glücklicherweise schien es, als habe mein Schatz diese Nacht keine bösen Träume gehabt, denn er grinste glücklich vor sich hin und murmelte zwischenzeitlich ein leises verliebtes „Gwenny. Meine Gwenny“ Hach. Er war ja so süß.

Gestern Abend war mal wieder wunderschön gewesen.

Da fiel mir auf, dass ich die Zeit, die ich hier verbrachte, indem ich hier meinen Freund anhimmelte, eigentlich genauso zum Duschen nutzen konnte, weshalb ich mich sanft aus Gideons Umarmung löste, jedoch nicht, ohne ihm nochmals einen Kuss gegeben zu haben. Daraufhin machte ich mich auf den Weg in die Dusche.

 

Ich hatte im Schlafzimmer die Tür einen Spalt offen gelassen, damit Gideon nicht durch das Geräusch geweckt wurde, das beim Schließen der Tür entstand. Ich sollte das demnächst mal ansprechen.

 

Auf dem Flur hörte ich das Tappen meiner nackten Füße auf dem Boden und gelegentlich das Gemurmel Gideons im Schlaf, was meistens „meine Gwenny“ beinhaltete.

Gerade, als ich die Badezimmertür öffnete und hineinhuschte, hörte ich Xemerius‘ Stimme: „Aufwachen! Der frühe Vogel fängt den Wurm! Oh, wo ist denn deine Gwenny hin?“, woraufhin ein Aufschrei folgte, den ich Gideon zuordnete und woraus ich schloss, dass er noch immer Angst vor Xemi haben musste. Ich schloss die Tür hinter mir und irgendwie war ich froh, dass unser Badezimmer so super isoliert war, sodass man innen nicht mitbekam, was außen los war und außen bekam man auch nicht mit, was innen abging.

Ich stellte mich unter die Dusche und ließ die Wassertropfen nur so auf mich herab prasseln.

Als ich fertig war, kletterte ich wieder aus der Dusche heraus, trocknete mich ab und zog mich rasch an.

Ich war gerade fertig, als ich im Spiegel, vor dem ich stand um mich zu bürsten, etwas Kleines durch die Wand auf mich zu kommen sah.

„Ach hier bist du!“, rief er erfreut.

Fragend hob ich die Augenbraue. Was war denn los, dass er mich suchte.

„Dein Funkelsteinchen da draußen ist ganz aufgelöst. Murmelt die ganze Zeit vor sich hin, dass es seine Schuld sei, wenn man dich verschleppt hätte oder sonst was mit dir anstellen würde.“

Erschrocken sah ich Xemi an. Gideon dachte, ich sei VERSCHLEPPT worden oder so was in der Art?!?!

„Der heult sich gerade draußen die Augen aus dem Kopf und versucht es im Alkohol zu ertrinken. Hat auch schon deine Hundefreundin und deren Freund angerufen. Und nachdem selbst ich, der große, beste und einzigartige Xemerius nicht mehr weiter wusste, wie ich ihn aufmuntern konnte, hab ich mich freiwillig dazu bereit erklärt, dich zu suchen.

So, und jetzt hab ich dich gefunden!“ Freudestrahlend sah er mich an, während ich erst mal den Schock verdauen musste. „Einen Moment, Xemerius“, sagte ich entschuldigend. Ich musste mich nun wirklich erst mal setzen. Etwas wackelig auf den Beinen ging ich auf den Badhocker zu, der in einer Ecke stand, und ließ mich draufplumpsen. Das einzige, was für mich ein kleiner Lichtblick war, dass Gid viel Alkohol vertrug, bevor er dicht war.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte mich der beste kleine Dämonenfreund, den man überhaupt haben konnte, vorsichtig und mitleidig. Ich nickte nur stumm.

 

Erschrocken schreckte ich nach einiger Zeit hoch, als die Klingel betätigt wurde. Wir hatten extra die Leitungen im Bad verlegen lassen, damit wir auch dort mitbekamen, wenn jemand an der Haustür klingelte.

Xemerius sah mich lächelnd an und meinte: „Auf in den Kampf!“

Vorsichtig drückte ich die Türklinke runter und öffnete behutsam die Tür. Als wir in der Küche ankamen, war diese leer. Also gingen wir in Richtung Haustür, aus welcher Stimmen kamen. Als Einzige davon erkannte ich Gideons Stimme wieder, die Restlichen waren mir fremd, daher konnten es unmöglich Les und Raph gewesen sein.

Als ich näher auf sie zutrat, bekam ich grob mit, was sie sagten…

 

„Was habt ihr mit meiner Gwendolyn gemacht?“, wollte Gideon wissen, woraufhin einer der Fremden herzhaft auflachte. Ich hatte mich schnell hinter der Garderobe versteckt und drückte mich nun noch weiter hinein, sodass ich mir auch sicher sein konnte, dass man mich wirklich nicht sehen konnte.

„Wir haben mit ihr bisher noch nichts gemacht“, sagte der Fremde und mir rutschte das Herz in die Hose, als er „bisher“ sagte. Wer waren diese Leute, was wollten sie von uns und erst recht: Was wollten sie von mir?

Scheinbar hatte Gideon gerade so ähnliche Gedanken, denn er fragte: „Was wollen Sie von uns?“, woraufhin der andere Fremde antwortete: „Euer Leben. Oder zumindest das Leben deiner Freundin.“

„Oha“, murmelte Xemi neben mir. Jetzt war mir das Herz erstrecht in die Hose gerutscht und ich bekam beinahe keine Luft mehr. Und doch bekam ich eine Idee, welche ich mir in so einer Situation als Letzte zugetraut hätte.

Ich deutete Xemi, dass er gehen sollte und mir Berichterstattung halten solle und dabei für Gid unhörbar und unsichtbar sein sollte.

Er nahm es mit einem Nicken hin und verschwand um die Ecke und aus meinem Blickfeld. Da fing er auch schon an zu berichten:

„Sie haben deinen Freund im Würgegriff. Oh, jetzt schließen sie die Tür und kommen in deine Richtung. Halt. Sie bleiben stehen. Dein Funkelsteinchen wird irgendwie ganz blass. Der sieht gar nicht gut aus, wenn du mich fragst.“

Das konnte ich mir nur zu gut vorstellen.

Wieder ertönte eine laute Stimme, doch dieses Mal kam sie nicht von Xemerius sondern von einem der Fremden.

„Gwendolyn, wenn du deinen geliebten Gideon hier lebend sehen willst, dann solltest du jetzt rauskommen!“, rief er durch unsere Wohnung.

Xemerius‘ Stimme erklang wieder: „Dein Freund hier hält das nicht mehr lange durch.“

Und plötzlich erklang wieder meine absolute Lieblingsstimme. Gideons Stimme: „Sie ist nicht hier. Nicht mehr. Ich weiß doch auch nicht, wo sie ist.“, presste er hervor, denn sie hatten ihn noch immer im Würgegriff. Aber auch Traurigkeit schwang in seiner Stimme mit.

 

Das ging mir zu weit. Xemi missachtend, der mir zwischendurch immer wieder geraten hatte, ich solle in meinem Versteck bleiben, stellte ich mich in den Flur, wobei ich ausversehen einige Jacken vom Haken runterriss, doch das interessierte mich gerade nicht die Bohne. Ich stellte mich so hin, dass ich die beiden Fremden als auch Gideon sehen konnte und sie mich auch sehen konnten.

„Ach, sieh einer an! Wenn das nicht die kleine Gwendolyn ist, die laut ihrem Freund hier nicht da wäre“, sagte einer der Fremden, welcher einen Kopf größer war als der Andere, belustigt.

Gideon sah mich mit aufgerissenen Augen an, als könne er nicht fassen, dass ich wirklich vor ihm stand. Ich warf einen vielsagenden Blick zu Xemi, der augenblicklich für Gideon wieder sicht- und hörbar wurde.

„Sie war im Badezimmer und hatte geduscht. Ich hab‘ sie auch erst vorhin gefunden. Und als wir dann aus eurem Badezimmer rausgekommen waren, standen diese beiden zwielichtigen Gestalten bereits in der Tür und so hab ich sie dann da hinter der Garderobe versteckt“, erklärte Xemerius. Gideon sah mich immer noch mit großen Augen an.

„Stimmt das?“, fragte er mich mit zitternder Stimme. Außerdem hörte es sich so an, als bekäme er bald keine Luft mehr. Ich konnte nur nicken, zu mehr war ich nicht fähig.

„Es tut mir so leid, Gid. Ich wollte dich nicht so erschrecken. Ich hatte wirklich nichts Böses im Sinn“, flüsterte ich unter Tränen, wohlbedacht, dass die Fremden nichts mitbekamen.

„Oh nein, nicht schon wieder ein Zimmerbrunnen“, seufzte Xemi, als er meine Tränen in meinen Augen entdeckte.

 

Plötzlich, ehe ich mich versah, war der kleinere Fremde bei mir und hielt mir meine Hände mit einer Hand auf den Rücken und meinen Hals mit der anderen Hand zu, sodass ich keine Luft mehr bekam.

Gideon rief noch: „Nein! Gwenny! Bitte nicht! Lasst meine Gwenny los!“, und irgendwie kam mir das ziemlich bekannt vor, ehe ich ins Wohnzimmer gebracht wurde. Dort musste ich mich auf den Boden knien. Gideon und der Größere waren nun auch hereingekommen.

Ich sah noch einmal in Gideons strahlend grüne Augen und versuchte all meine Liebe hineinzustecken.

Ich konnte nur noch ein „Ich liebe dich, Gideon“ hervorpressen, bevor ich etwas Kaltes an meinem Hals spürte. Eine Klinge. Ich hauchte noch „Nein, bitte nicht“, als sie mit der Klinge, noch immer an meinen Hals gedrückt, über meinen Hals fuhren und mir somit die Kehle durchschnitten. Ich merkte noch, wie etwas Warmes an mir herunterlief und auch aus mir herausspritzte und wie Gideon meinen Namen noch einmal schrie, als ich auch schon in die Dunkelheit gehüllt wurde. Doch lange währte das nicht, denn ich fand mich neben meinem leblosen Körper wieder. Scheinbar war ich dieses Mal kein kleiner Staubpartikel wie auf dem Ball, sondern ein Geist. Vielleicht war ich auch auf dem Ball ein Geist gewesen. So ganz wusste ich das nicht.

Erschrocken fuhr ich aus meinen Gedanken hoch, als ich Gideon sah, der noch immer von einem der Typen im Würgegriff gehalten wurde. Auch Gideon musste, wie ich vorhin, auf die Knie gehen.

„Du hast uns angelogen. Und außerdem bist du nur ein lästiger Zeuge“, sagte der Typ, der mich gerade eben umgebracht hatte. Er zauberte von irgendwo dieses Messer wieder her und setzte an.

„Sag „Tschüss, liebe Welt“, Gideon“, murmelte der Typ mit einem gehässigen Lächeln auf den Lippen und schnitt Gideon die Kehle durch. Mein Freund kippte vorn über und blieb reglos neben meiner Leiche liegen.

„NEIN!“, schrie ich. Da erst fiel mir auf, dass ich hier in einer großen Blutlache aus Gideons und meinem Blut stand.

„Gwendolyn?“, fragte eine bekannte Stimme.

„Ja?“, antwortete ich mit einer Frage.

„Was machst du denn hier? Ich dachte, du und Funkelsteinchen seid unsterblich. Und jetzt bist du hier als Geist anwesend“, fragte die Stimme aufgeregt.

Nun war ich dran mit Fragen stellen: „Xemerius?“
„Ja?“, kam als Antwortfrage.
„Wo bist du?“, wollte ich wissen, denn ich sah ihn hier nirgendwo.
„Über dir“, antwortete er. Als ich nach oben schaute, sah ich ihn.
„Hey“, begrüßte ich ihn knapp. „Weißt du, was hier vielleicht falsch gelaufen sein könnte? Ich wollte doch noch gar nicht sterben!“

Das war einfach zu viel für mich, weshalb ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

Die beiden fremden Männer waren bereits, kurz nachdem sie die Kehle meines Freundes durchgeschnitten hatten, wieder abgehauen.

Plötzlich klingelte es erneut an der Tür. Doch ich konnte ja schwer die Tür öffnen, wenn ich hier als Geist mein Dasein fristete. Und mein Körper lag immer noch ziemlich nutzlos auf dem Boden herum.

Das Klingeln wurde stärker und brach plötzlich ab, sodass man Stimmen vor der Tür wahrnehmen konnte. Ich hatte mich noch immer nicht von der Stelle bewegt.

„Raph! Jetzt mach schon! Ach, gib den verdammten Schlüssel her!“

Das konnte nur Leslie sein.

Man hörte einen Schlüssel im Schloss und das Klicken der aufgehenden Tür. Schnelle Schritte waren zu hören, genauso wie verzweifelte „Gwen!“- und „Gideon!“- Rufe. Im nächsten Moment flog die Wohnzimmertür auf und Leslie, Raphael und Charlie kamen hereingestürzt. Den Anblick von Gideons und meiner Leiche hätte ich den Dreien wirklich nur zu gerne erspart gelassen…

„Gwen…“
Mit diesen Worten brach Leslie in sich zusammen und Charlie hatte verdammt gut aufpassen müssen, dass Les nicht auf dem Boden aufschlug und fing sie daher auf. Dabei hatte sie jedoch sichtlich Mühe gehabt, denn Leslie wog doch schon etwas mehr als 1 Kilo.

Raphael sah nur mit aufgerissenen Augen unsere leblosen Körper an. Ich konnte es ihm nicht verübeln, denn wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre und ihn und Leslie so gesehen hätte, wie er nun Gideon und mich sehen musste, hätte ich im ersten Moment wohl nicht anders reagiert. Und außerdem hatte er ja nicht gewusst, dass Gid und ich unsterblich waren.

Wir hatten ihm das wirklich schon vor einiger Zeit sagen wollen, aber immer kam etwas dazwischen.

Irgendwie wurde ich dieses blöde Gefühl nicht los, dass dieses Mal bei unserem Tod – oder zumindest bei meinem Tod – irgendetwas schiefgegangen war. Klar, es ist immer irgendwas schiefgegangen, wenn man eiskalt ermordet wurde, aber ich meine, so wie jetzt war das noch nie gewesen. Irgendwas musste schiefgelaufen sein. Wie so oft.

 

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein…“, stammelte Raphael leise und kam zitternd auf uns zu gewankt, nachdem er sich langsam aus seiner Starre gelöst hatte.

„Verdammt!“, schrie er auf einmal und schrie sich damit den Schmerz von der Seele. Ich konnte ihn nur zu gut verstehen.

Unter Tränen brach Raphael neben seinem großen Bruder zusammen und nahm dessen Leiche in den Arm. Es schien mir, als wollte er nicht begreifen, was los war oder sich damit einfach selbst beruhigen.

 

Währenddessen sah ich zu meinen besten Freundinnen. Leslie lag noch immer blass auf dem Boden, wo sie vorhin zusammengebrochen war.

Charlie versuchte noch immer vergebens, sie aufzuwecken. Ihr liefen die Tränen in Strömen über die Wangen und da realisierte ich, dass ich sie noch nie hatte weinen sehen. Also zumindest noch keine echten Tränen.

Immer wieder – es kam mir wie ein Mantra vor – wiederholte sie: „Les, komm schon!“ Ich konnte mir vorstellen, dass sie nicht auch noch Les verlieren wollte, auch wenn sie „nur“ bewusstlos und ohnmächtig war.

 

Charlie war beinahe die Einzige, außer Gid, Leslie und mir, die wusste, dass Gideon und ich unsterblich waren. Außer uns vieren wussten das nun noch mein Bruder Nick, meine Schwester Caroline, unser Butler Mr Bernhard und meine Tante Maddy. Den Anderen hatten wir es verschwiegen, da das unser Geheimnis war.

„Jede Loge braucht ein Geheimnis“, hatte Les einmal gesagt. Sie hatte beschlossen, dass wir so eine Art „Geheime Geheimloge“ bildeten, die sie feierlich „Die Loge Des Pinkenen Häckelschweins“ genannt hatte.

Raphael war zwar auch Mitglied, aber eher eines aus dem „äußeren Kreis“, weshalb er nicht unbedingt alles gesagt bekam. Ich musste unwillkürlich lächeln, als mir Raphs Gesichtsausdruck vor meinem inneren Auge erschien, den er hatte, als wir ihm das gesagt hatten. Unsere Begründung war gewesen, dass er sich einfach zu oft verplapperte und so etwas unser Untergang sein konnte.

Mit dieser Begründung hatte er sich – zu unserem Erstaunen – damals zufrieden gegeben.

Doch die Unsterblichkeit hatte sie scheinbar vergessen, denn so wie es aussah dachte sie wahrhaftig, Gid und ich seien echt tot. Ok, bei mir war ich mir noch immer nicht so ganz sicher…

 

Ich fuhr aus meinen Gedanken hoch, als ich etwas aus meinen Augenwinkeln wahrnahm. Ich drehte meinen Kopf in die Richtung und dachte mir, als ich nichts Besonderes entdeckt hatte, dass ich mir das wohl nur eingebildet hatte.

Doch ich wurde etwas besseren belehrt.

Ich wollte gerade meinen Kopf wieder zu meinen Freundinnen wenden, da sah ich es. Es war zwar nur ein Zucken. Ein Zucken des rechten Zeigefingers und doch ließ es mich aufatmen.

Also so aufatmen, wie ein Geist eben aufatmen konnte.

Er hatte es überstanden. Auch wenn es nur eine kleine Bewegung gewesen war, hieß es doch, dass Gideon wieder am Leben war. Sein kleiner Bruder schien durch seinen Tränenschleier davon noch nichts mitbekommen zu haben, denn er hielt ihn immer noch im Arm und noch immer liefen ihm die Tränen das Gesicht herunter.

Ich schrie den Namen meines Schatzes so laut ich konnte: „GIDEON!!!“

Scheinbar war er sogar schon wieder einigermaßen bei Bewusstsein, denn er hauchte ein leises „Gwenny…“ Erst da fiel Raph scheinbar auf, dass sein Bruder wieder unter den Lebenden weilte.

„Gid?“, fragte er zaghaft und hielt Gideon etwas weiter von sich weg um ihm in die Augen sehen zu können. Er schien es noch nicht ganz begreifen zu wollen.
Als Gid nun auch seine Lider aufschlug, konnte Raphael sein Glück kaum fassen.
„Gideon!“, schrie er vor Freude und strahlte über das ganze Gesicht.

Ich merkte, wie mir leichte Tränen, die man kaum spürte, über die Wangen liefen.
‚Geistertränen‘, schoss es mir durch den Kopf.
Ich wollte nicht, dass Gideon mich hier so und als Geist sehen konnte. Das wollte ich ihm wirklich nicht antun.

 

Les lag noch immer in sich zusammengesunken in der Tür und Charlie sah auch ganz schön blass aus. Bei Gideons Anblick huschte ihr ein Lächeln über die Lippen.

Ich hingegen spürte eine kleine kalte Hand auf meiner Geisterschulter, die mich zusammenzucken ließ.
Mein Kopf schnellte herum und ich sah in Xemerius‘ Augen.
Er sah mich mitleidig an und ich konnte gar nicht anders: ich musste aufschluchzen.

„Gwenny! Nein! Bitte nicht!“, kam es aus der anderen Richtung. Die Person, die das geschrien hatte, besaß nun wieder meine ganze ungeteilte Aufmerksamkeit.

 

Da saß sie – die Liebe meines Lebens – mit tränenverschmiertem Gesicht und blutverschmierten Klamotten neben meinem leblosen Körper.

„Gwenny… ich liebe dich!“, flüsterte er unter Tränen, als er meine Leiche in seinen Armen hielt.

„Kannst du ihm bitte von mir ausrichten, dass ich ihn auch liebe?“, bat ich Xemi mit Tränen in den Augen. Ich wollte mich Gideon nicht als Geist zeigen, weshalb ich auch hinzufügte: „Aber kein Wort über mich als Geist, bitte.“ Mit einem Nicken nahm er es hin.

Kurz überlegte er, wahrscheinlich, wie er es Gid am einfachsten beibringt, und dann fing er auch schon an:

„Deine Gwenny liebt dich auch, Gideon. Ich weiß, sie würde wollen, dass du das weißt“, antwortete Xemerius an meiner Stelle.

Blitzschnell schnellte Gideons Kopf herum und sein Blick blieb bei dem kleinen Dämon hängen.

„Xemi!“, rief mein Freund nun schon etwas freudiger, aber noch immer mit Tränen in den Augen. „Weißt du vielleicht, was hier schiefgegangen sein könnte? Meine Gwenny ist doch noch vor mir getötet worden, also müsste sie doch auch schon wieder leben! Ich will meine Gwenny zurück!“, schrie er, bevor er wieder in Tränen ausbrach.

„Xemi, ich will wieder zurück… Ich will zurück zu ihm! Ich wollte doch noch gar nicht sterben!“ Meine Stimme zitterte unaufhörlich und ich musste mich zusammenreißen, nicht loszuheulen.

„Aber Gwen, du bist indirekt für ihn gestorben, denn du dachtest ja, dass, wenn du tot bist, er wieder freigelassen wird. Deswegen bist du doch auch aus deinem Versteck rausgekommen.“
Er hatte sich für Gideon wieder unsichtbar und unhörbar gemacht und sah mich aus seinen kleinen traurigen Augen an. Ich konnte nicht anders, als ihn perplex anzusehen. Wie Recht er doch hatte. Aber das konnte nicht sein, immerhin WOLLTE ich ja eigentlich gar nicht sterben.

Xemerius schien mein immer trauriger werdender Blick nicht entgangen zu sein, denn er fing an, mir in beruhigender Stimme zu erklären: „Aber direkt hat man dich - und zwar gegen deinen Willen - eiskalt ermordet…“

Den Rest bekam ich schon nicht mehr mit, denn die bedrückende Schwärze umgab mich plötzlich wieder.

Mein erster Gedanke war: ‚Was war das denn jetzt? ‘, dicht gefolgt von meinem zweiten Gedanken: ‚Wo bin ich denn jetzt? ‘, und auf den dritten Gedanken musste ich auch nicht lange warten: ‚Was passiert jetzt mit mir? ‘Langsam drangen wieder Stimmen zu mir durch…

„Gwenny! Bitte, du darfst mich nicht verlassen! Komm‘ wieder zu mir zurück… Bitte!“, flehte eine männliche Stimme, die mein Gehirn niemandem zuordnen wollte.

„Gid, komm‘ mit! Lass sie los! Du kannst nichts mehr für sie tun!“, sagte eine ebenfalls männliche Stimme energisch.

„Gwen!“ Ok, diese Stimme war neu. Und sie war noch dazu eindeutig weiblich.

„W…w…wer w…w…war d…d…das?“, fragte sie mit zitternder Stimme und man konnte heraus hören, dass sie weinte.

‚Ja, ich würde auch nur zu gerne wissen, wer hierfür verantwortlich zu machen ist. Wenn ich denjenigen erwische…Der wird sich wünschen, nie geboren zu sein‘, dachte ich mir. ‚Aber halt, Gwen. Nicht gleich an die Decke gehen!‘, sagte eine weitere Stimme, die sich leichter anhörte als die mit den Drohungen und ich wusste, dass diese beiden Stimmen nur in meinem Kopf existierten.

Ein stechender Schmerz, der sich von meinem Hals aus in meinem Körper verteilte, brachte mich aus meinen Gedanken wieder in das Hier-und-Jetzt.

Ich hätte so gerne geschrien, aber da ich mich nicht bewegen konnte, geschweige denn die Lippen auseinander brachte, verfiel dieser Gedanke so schnell, wie er gekommen war, wieder.

Mein Mund war so staubtrocken wie die Sahara, sodass es bereits wehtat. Man hätte meinen Mund und meine Kehle auch gut mit einem Schmirgelpapier vergleichen können.

Da erst fiel mir etwas ganz Entscheidendes auf: Ich atmete gar nicht!

‚Wieso das denn jetzt?‘, dachte ich mir, doch ich bekam es einfach nicht auf die Reihe zu atmen. Zu sehr taten die Versuche weh. Doch ich wurde von der Stimme, die ich als erste vernommen hatte, aus meinen Gedanken gerissen und ich stellte die Versuche ein.

„Ich lass sie ganz bestimmt nicht los! Jetzt lass mich doch mal in Ruhe, Raphael! Ich lass sie nicht los, wie sehr du auch an mir ziehst!“, schrie sie. Oder er, denn die Stimme gehörte ja zu jemandem männlichen.

Ich spürte, wie mein Bauch aus einer scheinbaren Trance erwachte und sofort spürte ich einen starken Griff um meinen Bauch, der auch keine Anstalten machte, sich nur im entferntesten zu lockern oder mich gar los zu lassen.

„Ich lass dich nicht los, Gwenny… Du bist und bleibst MEINE Gwenny… Für immer und ewig“, murmelte er weiter. Scheinbar war er ganz nah bei mir. Vielleicht war er sogar die Person, die mich festhielt?

„Xemerius, was ist hier schiefgelaufen? Wieso heilt die verdammte Wunde denn immer noch nicht?“, schluchzte die Stimme.

„Ich… Ich weiß es nicht. Naja, indirekt ist sie für dich gestorben, in der Hoffnung, dass du, wenn sie sich ergibt und umgebracht wird, wieder freigelassen wirst. Aber direkt ist sie kaltblütig und ohne Rücksicht auf Verluste umgebracht worden. Und zwar gegen ihren Willen“, erklärte eine sanfte süße Stimme. Wieso kam mir das alles so bekannt vor?

„Vielleicht kämpft sie ja, außer sie hat das sogenannte Licht schon hinter sich. Aber sicher bin ich mir dabei auch nicht“, fügte die süße Stimme hinzu.

Also den Teil mit dem Licht musste ich wohl irgendwie verschlafen haben, dachte ich mir.

„Bitte Gwenny, wenn du mich auf irgendeine Weise hören kannst: Du musst kämpfen! Verdammt, jetzt lass mich doch endlich mal los, Raph!“, schrie die erste Stimme herum.
„Jetzt ist er endgültig von allen guten Geistern verlassen!“, rief die andere Stimme.
„Nein, einer ist noch da! Und zwar ich!“, rief die süße Stimme belustigt.

Die erste Stimme fing scheinbar etwas an zu lachen, aber auch nur ganz sachte und verstummte plötzlich wieder.

„Gideon, kannst du Xemerius sehen?“, fragte die weibliche Stimme, die sich bis jetzt zum größten Teil rausgehalten hatte, ungläubig.

„Wer zum Henker ist denn jetzt dieser Xemerius?“, fragte die zweite männliche Stimme und schrie dabei.
„Also… Xemerius ist ein Wasserspeidämon, den Gwen…“ Sie unterbrach sich und ich vernahm ein Schluchzen, doch sie fand sich schnell wieder. „Gwen konnte ihn sehen, da es die „Magie des Raben“ ist oder war – je nachdem wie man es sieht. Sie konnte also alle möglichen Geister und Dämonen sehen. Xemi, oder auch Xemerius genannt, ist einer von ihnen und noch dazu ist er einer von Gwens besten Freunden gewesen.“

Jetzt konnte sich das Mädchen nicht mehr halten und brach in Tränen aus, was ich zumindest durch die Schluchzer und der Reaktion des einen Jungen vermutete, der beruhigend auf die einsprach. So ganz verstanden hatte er es scheinbar immer noch nicht. Wie gerne hätte ich sie in den Arm genommen und ihr gesagt, dass alles wieder gut werden würde. Doch dabei war ich mir damit gar nicht mal so sicher, denn immerhin steckte ich hier scheinbar in meiner eigenen Leiche fest und konnte nur hören, was um mich herum geschah. Und mein Hirn machte sich nicht einmal die Mühe, die Stimmen jemandem zuzuordnen. Aber wie hätte es auch sollen, wenn es im Gegenzug kein Sauerstoff bekam? Ich hätte auch gestreikt, wenn ich dafür keinen Lohn bekommen hätte.

Ich wurde erneut von der ersten männlichen Stimme aus meinen Gedanken zurückgeholt, als er anfing, das, was das Mädchen oder die Frau gesagt hatte, bevor ihr Tränenausbruch begonnen hatte, unter Tränen fortzuführen.

„Meine Gwenny hat mir das gestern Abend auch erst erzählt“, fing er an. Das „meine Gwenny“ betonte er extra.

„Und als ich ihr erst nicht richtig glauben wollte, hat sie von Xemerius den Tipp erhalten, dass sie ihn für mich hörbar und sichtbar machen könnte. Und dass ich dadurch auch die ganzen anderen Geister und Dämonen sehen könnte. Gwenny war anfangs nicht so begeistert von der Idee. Sie hatte Angst gehabt, dass es Nebenwirkungen geben könnte oder es gar nicht funktionieren würde. Nachdem ich ihr dann versichert hatte, dass ich eigentlich nichts dabei zu verlieren hatte, entschied sie sich auch dafür, es einfach mal auszuprobieren. Ja, und seit dem Zeitpunkt kann ich, so wie meine Gwenny es konnte, Geister und Dämonen sehen.“

Der letzte Satz war größtenteils in Schluchzern untergegangen. Und wohl auch in Tränen. Die Person hatte einen gewaltigen Redeschwall hinter sich, doch man hatte alles gut verstehen können. Auch wenn es für mich nichts Neues war.

„Raphael, ich wollte Gwen früher auch nicht glauben, aber jetzt bin ich mir sicher, dass es stimmt.“

Huch, wo kam diese Stimme denn jetzt her? Auf jeden Fall war es eine weibliche Stimme, nur dass sie anders klang als die andere. Und diese Stimme klang auch nicht so verweint - Im Gegensatz zu der anderen.

Sie seufzte kurz, doch kurze Zeit später fuhr sie fort:

„Jetzt guck nicht so ungläubig!“

„Hey Heuhaufenmädchen!“ Wieso wusste ich, dass ich damit gemeint war? „Bist du da?“, fragte die süße Stimme von vorhin und irgendwie erinnerte sie mich an ein kleines Kind und an … Xemerius!
Wie hatte mein Gehirn denn diese Verbindung hergestellt?

„Keine Sorge, dein Funkelsteinchen kann mich im Moment nicht hören. Ich hoffe, ich führe hier gerade keine sinnlosen Selbstgespräche. Ich fühle mich ja jetzt schon irre genug… Aber egal. Was ich sagen wollte ist, dass du nicht aufgeben darfst! Dein Gidilein heult sich hier gerade die Augen aus dem Kopf. Der ist ja noch ein schlimmerer Zimmerbrunnen als du!“

„Raphael, lässt du mich wohl los?“, schrie jemand wieder.

Der Griff um meinen Bauch wurde, wenn das überhaupt noch möglich war, noch enger und auch mein Rücken wurde mit der Zeit wieder wach. Ich lag an irgendjemandes Brust gedrückt. Sofort wurde mir warm und ich genoss den Augenblick, auch wenn mir allmählich der Bauch wehtat.

Moment mal, mir wurde warm? Wie ging das denn nun? Und als wäre das sein Stichwort gewesen, macht mein Herz einen freudigen Sprung. Dann war alles wieder ruhig. ‚Na super‘, dachte ich mir. ‚Ein Herzschlag und mehr ist nicht mehr drin.‘

Doch plötzlich… Bumm. Ba-bumm. Ba-ba-bum. Bumm. Ba- Bumm Bumm.

Mein Herz schlug zwar noch unregelmäßig, aber wenigstens schlug es überhaupt wieder weiter. Dem Rest schien das noch nicht so ganz aufgefallen zu sein. Ich fing nun auch endlich wieder an mit atmen, denn ich wollte nicht wirklich, das ich deshalb erneut starb.

 

Als ich merkte, dass es Gideon war, der mich an sich drückte und ich seinen Geruch endlich wieder einatmen konnte, war es mir unmöglich ein verliebtes Seufzen zu unterdrücken. Wie sehr hatte ich ihn doch die letzten Minuten (oder waren es doch Stunden gewesen?) vermisst.

Ich versucht, meine Augen zu öffnen und es funktionierte auf Anhieb einwandfrei. Verwirrt sah ich mich im Raum um.

Da war Leslie, die beste Freundin, die man sich überhaupt vorstellen und wünschen konnte, welche zusammengesunken auf dem Boden saß und ihre Hände vor ihr Gesicht hielt. Sie weinte noch immer. Daneben kniete Charlie und versuchte Les zu beruhigen, was ihr aber nicht so ganz gelingen wollte. Hinter mir saß Gideon – mein Gideon – und hielt mich in seinen starken Armen. Auch er schien mich noch nicht bemerkt gehabt zu haben. Er hatte seine Augen geschlossen, die ich so gerne sah und in welchen ich so gerne versank. Ihm liefen Tränen über die Wangen und sein Körper bebte und erzitterte oftmals unter seinen Schluchzern. Nur Raph schien bemerkt zu haben, was mit mir geschehen war, denn er starrte mich mit großen Augen an. Gideon nuschelte irgendetwas von „meine Gwenny“, „bleib bei mir“ und „komm wieder zurück“ in mein Haar.

„Wie und was zum …“, hauchte Raphael stotternd währenddessen und sein Blick war unverändert geblieben. Er hatte aufgehört an seinem Bruder zu zerren, dass er mich los lassen sollte.

„Wie kann das sein?“, fragte er leise weiter und mit zitternder Stimme. „Du warst tot, wie kannst du jetzt wieder am Leben sein. Und wo ist deine Wunde hin?“, fragte er weiter, wohlbedacht, nicht zu laut zu sein. Der Rest schien noch immer nichts mitbekommen zu haben. Oder doch?

Nein. Nur Raphael hatte es mitbekommen.

Autsch! Wieder durchzuckte mich ein Schmerz. Doch dieses Mal entsprang er nicht bei meinem Hals, denn dieser hatte bereits vor einiger Zeit aufgehört gehabt zu schmerzen. Nein, dieser Schmerz entsprang in meinem Bauch. Wenn Gideon mich noch weiter so fest drücken würde, bekäme ich bald keine Luft mehr. Ich mochte es zwar sehr, in seiner Nähe zu sein, doch ich wollte dabei nicht unbedingt unter Atemnot leiden müssen. Außer bei unseren Küssen, aber das gehörte in eine andere Schublade.

Raphael schien mein schmerzverzerrter Gesichtsausdruck nicht entgangen zu sein, denn nun zerrte er wieder an Gideon mit den Worten: „Lass sie endlich los, Gid!“ Dieser antwortete oder besser gesagt schrie: „Ich denk‘ gar nicht dran! Sie ist meine Gwenny! Und ich lass‘ sie nicht mehr los! Niemals!“

Oh nein. Wenn er mich niemals wieder loslassen würde, würde ich hier Aufgrund Sauerstoffmangels qualvoll zugrunde gehen.

„Gid! Du erdrückst sie noch!“, schrie Raph ihn an.
„Das kann ich gar nicht mehr! Sie ist nämlich bereits tot, sollte es dir immer noch nicht aufgefallen sein!“, schrie Gideon unter Tränen und es zerriss mir beinahe mein Herz.

„Meine Gwenny ist tot und kommt nie mehr zurück…“, murmelte er leise und wohl eher zu sich selbst.
„Sie könnte nach 45 Minuten Herzstillstand nicht mehr leben! Und das weißt du genauso gut wie ich!“, schrie er nun wieder und ich konnte nur zu gut die Wut und auch die Trauer heraushören. Ich hatte mich noch immer nicht geoutet. Zu sehr war ich geschockt und mit dieser Situation überfordert.

„Ja Gid, ich weiß. Aber wenn du sie noch so weiter drückst, hast du bald wirklich keine Gwenny mehr!“, versuchte Raphael es weiter, meinen traurigen und wütenden Freund zu überreden mich loszulassen. Ich wusste, warum Raphael neben Xemi mein bester Freund war…

 

„Mann Gwen! Was machst du denn wieder unter den Lebenden? Ich dachte schon, du wärst total hinüber! Wieso glotzt dein Gidilein seinen Bruder denn so fassungslos an?“, fragte mich eine mir allzu bekannte Stimme. Xemerius tauchte wie aus dem Nichts vor mir auf und grinste mich über beide Ohren an. Ich konnte gar nicht anders: Ich musste einfach zurückgrinsen. Doch wieder kam der Schmerz zurück und ich verzog mein Gesicht, woraufhin Xemerius‘ Gesichtsausdruck schlagartig ernst wurde.

„Gideon! Du solltest wirklich auf den Kleinen hören! Oder willst du sie ganz und endgültig verlieren?“, schimpfte er mit ernster Stimme. So ernst hatte ich ihn noch nie erlebt.

Nun war Gideon scheinbar – genauso wie ich – mit der Situation heillos überfordert, denn er stammelte irgendeinen Käse zusammen.
„Aber… ich… wieso… Ich verstehe gar nichts mehr…ich hab sie doch schon verloren, oder etwa nicht?“ Er war total neben der Bahn.

„Wenn du es wissen willst, dann locker halt mal deinen Griff und sieh sie dir an!“ Da war er wieder, der altbekannte Xemerius, wie man ihn kannte.

Augenblicklich löste Gideon seinen Griff und drehte mich zu sich um. Aufgrund der starken Schmerzen schloss ich meine Augen.

Gideon seufzte. „Ich sagte doch, ich hab sie verloren.“, sagte er niedergeschlagen.
„Also: Wieso sollte ich nun meinen Griff lockern?“, fuhr er Xemi und Raphael noch immer ziemlich niedergeschlagen und wieder mit Trauer und Wut in der Stimme an.

„Damit ich wieder Luft bekomme“, antwortete ich anstelle von den Beiden. Ich öffnete die Augen uns sah in 2 Smaragde, die mich anstrahlten.

„Gwenny!“

Und wieder bekam ich keine Luft, denn Gideon drückte mich wieder fest an sich und die Umarmung wollte er wohl – wie die letzte - nicht so schnell lösen. Der Unterschied war, dass ich nun mit meinem Bauch an seinem Bauch lag und er nicht mehr niedergeschlagen und traurig war so wie noch kurze Zeit davor.

Er war genau das Gegenteil, nämlich glücklich, weshalb er mir auch andauernd einen Kuss auf mein Haar gab. Er hatte wieder angefangen, zwischen den Küssen immer wieder „meine Gwenny“ zu murmeln. Ich konnte gar nicht anders, als mit ihm um die Wette zu strahlen. Ich mochte es gar nicht, wenn er so deprimiert war, wie noch vorhin, denn wenn er depri war, war ich das auch.

Leider geriet ich erneut in Atemnot und es tanzten bereits einzelne schwarze Punkte vor meinen Augen. Raphael hatte uns die ganze Zeit lächelnd beobachtet, doch als er meinen wieder mal schmerzverzerrten Gesichtsausdruck sah, gefror sein Lächeln.

„Gideon! Du tust ihr schon wieder weh!“
Da war er wieder, mein bester Kumpel.

Erschrocken fuhr Gideon zurück und sah mich verzweifelt und entschuldigend an. Langsam kam ich wieder zu Atem und sah ihn lächelnd an. Damit wollte ich ihm signalisieren, dass es mir wieder gut ging und er sich keine Sorgen und Vorwürfe zu machen brauchte. Auch er fing an, mich anzulächeln. Unser lächelnder Blickkontakt wurde nach einiger Zeit von Les unterbrochen. Ich hatte wirklich alles um mich herum vergessen…

„Gwen!“, rief sie und stürzte zu mir. Und wieder wurde ich in einer Umarmung fast erdrückt. Dieses Mal waren es aber nicht Raphael oder Xemerius, die eingriffen, sondern Gid.

„Hey, lass meine Gwenny am Leben! Du bringst sie ja gleich noch um! Hey, ich will meine Gwenny nicht gleich wieder verlieren!“
Doch meine beste Freundin dachte gar nicht daran.

„Les, wirklich. Ich hab schon einen Tod am Tag hinter mir! Das reicht mir wirklich!“
Durch diese Worte ließ sie mich endlich wieder los.

„Du hast ja Recht. Aber ich bin einfach zu froh, dich endlich wieder zu haben! Ich dachte schon, du wärst wirklich…“

Den Rest des Satzes ließ sie in der Luft hängen. Sie musste auch gar nicht weitersprechen, denn ich wusste genau, was sie meinte. Ich hatte auch Angst gehabt, wirklich gestorben zu sein und nicht mehr zurück zu kommen. Doch ich ließ mir diese Angst nicht ansehen.

Und plötzlich wurde ich schon wieder umarmt. Man sollte den Tag echt zum „Gwendolyn-Umarm-Tag“ umbenennen.

Doch diese Umarmung war nicht so wie die anderen. Sie war sachte und nicht so fest wie bei Gid und Les, sodass ich noch atmen konnte.

„Verdammt, ich hab‘ mir Sorgen um dich gemacht! Ich dachte schon, du hättest dich vielleicht selbst umgebracht! Ich hab‘ mir so verdammte Sorgen gemacht…“

Ich musste gar nicht erst nachsehen, um zu wissen, wer das war. Charlie machte sich andauernd Sorgen. Aber dieses Mal konnte ich ihre Sorgen nur zu gut verstehen.

Sie löste sich erst wieder von mir, als Raph sich räusperte. Als ich zu ihm hinsah, entdeckte ich Verwirrung in seinem Blick. An seiner Stelle wäre ich auch ganz schön verwirrt gewesen.

„Wie…Aber Gwen, du warst wirklich tot?“, fragte er stotternd und sah mich mit großen Augen. Da hatten wir ihm wohl so einiges zu erzählen

Ich konnte auf seine Frage jedoch nur nicken, denn zu mehr war ich im Moment wirklich nicht in der Lage.

Bevor ich die richtigen Worte finden konnte und wir ihm auch nur in irgendeiner Weise etwas erklären konnten, klingelte es an der Tür.

„Ich geh‘ schon“, meinte ich gelassen und wollte gerade zur Tür laufen, als mich jemand am Arm festhielt.
„Nein, das tust du nicht. Wenn das diese Mörder von vorhin sind, hast du ein Problem. Du bleibst hier. Ich werde öffnen“, beschloss Charlie.
Sie hatte Recht. Wie so oft. Wieso hatte ich nicht gleich daran gedacht? Was hatte ich mir nur dabei gedacht, einfach so die Tür öffnen zu wollen?

Ich nickte und meine Cousine ließ mich wieder los. Wieder klingelte es, nur dieses Mal war es eindeutig energischer und länger. Mein Schädel brummte schon von dem ganzen Geklingel.

Charlotte rannte in den Flur hinaus und ich setzte mich zu den anderen auf das Sofa. Der Rest hatte uns die ganze Zeit schweigend zugesehen und sie sahen mich nun immer noch stumm an.

Doch kaum saß ich, wurde mir bewusst, dass der Wohnzimmerboden noch immer blutgetränkt war. Meine Güte, es sah aus wie auf einem Schlachtfeld im eiskalten Krieg. Nur eben ohne Leichen.

Schnell sprang ich auf und hastete in die Abstellkammer, wo ich einen Wischlappen suchte und nach einiger Zeit auch fand. Wieso musste der sich auch immer vor mir verstecken?

‚Glücklicherweise haben wir Fließen und keinen Teppich oder Holzboden verlegt‘, schoss es mir in den Kopf.

Mit dem Lappen im Arm sprintete ich durch den Flur wieder ins Wohnzimmer.

Was ich dort vorfand, ließ mich mitten in der Bewegung erstarren. Ich war zu geschockt, als dass ich auch nur eine Bewegung hätte machen können.

Plötzlich merkte ich, wie jemand neben mich trat.
Meine Starre löste sich ein wenig und als ich den Kopf zu ihm drehte, erkannte ich ihn. Es war Gideon.

Er musste, so wie ich, aus dem Raum gegangen sein, denn er hielt einige Gläser und Flaschen in seinen Händen.

Auch er schien von der Situation überrumpelt gewesen zu sein, denn sein Blick und Gesichtsausdruck war meinem nicht unähnlich.

Ich sah wieder zurück ins Wohnzimmer.
Dort saß meine Mum, also Grace, auf dem Boden und weinte. Dauernd schluchzte sie und Tränen liefen ihr über die Wangen. Neben ihr stand Falk, mit dem sie seit einem halben Jahr glücklich verheiratet war. Die beiden hatten sich endlich gefunden und die Hochzeit war der Hammer gewesen.

Ein markerschütterndes Schluchzen riss mich aus den Erinnerungen, die wirklich schön gewesen waren.

„Wie konnte so etwas passieren? Ich hatte Lucy doch damals versprochen, auf sie aufzupassen…“ Der Rest ging in Schluchzern unter. Falk ging es scheinbar nicht besser wie Grace, doch er weinte sichtlich innerlich und zeigte seine Trauer nicht so sehr.

Mir fiel wieder ein, dass wir den Beiden noch nichts von der Unsterblichkeit erzählt hatten und so dachten sie wohl, wir wären tot.

Da mussten wir wohl wirklich so einiges erklären.

Leider wusste ich nicht, wie ich sie auf uns aufmerksam machen sollte, weswegen ich meinen Blick im Zimmer umherschweiften ließ. Eine Tüte vom Becker lag auf dem Boden und daneben lagen einige herausgefallene Brötchen.
Zum Glück waren sie noch in der blutfreien Zone gelandet, womit für mich noch die Chance bestand, heute noch zu einem Frühstück zu kommen.

Wo waren eigentlich Charlie, Les und Raph? Von den Dreien hatte ich bisher keinen ausfindig machen können. Und Xemerius war auch nicht da.

Die Frage wurde schnell gelöst, als die Vier neben Gideon oder teilweise auch hinter ihm auftauchten. Raphael trug diverse Marmeladensorten, Honig und Butter auf einem Tablett, das er in der Hand hielt. Leslie hatte scheinbar Kaffee und Tee gemacht, denn sie hielt eine Kaffee- und eine Teekanne in ihren Händen und Charlie hatte Teller und Messer sowie Tassen auf einem Tablett gestapelt und versuchte, dieses auszubalancieren, damit kein Geschirr zu Bruch ging. Und das gelang ihr auch einigermaßen gut. Mir wäre da schon so manches runtergeflogen, denn leicht sah das ganz bestimmt nicht aus.

Als ich das alles sah und an die Brötchen auf dem Boden dachte, knurrte mein Magen und Charlie ließ einen Teller herunterfallen, der, als er mit dem Boden in Berührung kam, mit einem Scheppern auseinander brach.

Somit musste ich mir wohl keine Gedanken mehr machen, wie ich die Aufmerksamkeit der beiden Trauernden auf uns lenken sollte. Diese Hürde war somit überstanden.

Blitzschnell schnellten die Köpfe von Falk und Grace zu uns herum und wir sahen in zwei erschrockene und traurige Gesichter, deren Ausdruck, als sie uns entdeckt hatten, sich schlagartig in Verwirrung verwandelte. Die Traurigkeit war wie weggeblasen.

„Aber…Wie…“ Fragend sah Falk uns mit großen Augen an.
„Gwen!“ Oh Mann… Meine Mum kam, nachdem sie auf ihre Beine gesprungen war, auf mich zugestürzt und nahm mich fest in den Arm.

Der „Gwendolyn – Umarm – Tag“ ging also weiter. Und ich dachte schon, er wäre bereits zu Ende gegangen…

Und abermals bekam ich keine Luft.

„Grace, alles ist gut. Ich bin doch da, Mum“, versuchte ich sie so gut wie möglich zu beruhigen. Als ich „Mum“ sagte, zuckte sie beinahe unmerklich zusammen.

Das Reden fiel mir schwer, denn ich hatte noch immer Probleme mit dem Atmen. Und doch zeigten meine Worte Wirkung.

„Nein, nichts ist gut. Wieso liegt da“ Sie ließ mich los und zeigte auf die Blutlache „so viel Blut? Und wieso seid ihr beiden voller Blut? Und wieso wurde uns gesagt, ihr wäret…“ Den Rest des Satzes ließ sie in der Luft hängen und fing wieder an zu schluchzen. Ich wusste mal wieder genau, was sie meinte. Man hatte ihnen erzählt, wir seien tot. Was wir ja eigentlich auch waren.

Doch wie sollte ich ihnen das beibringen?

Mum nahm auch Gideon in die Arme. Der Arme bekam auch keine Luft mehr und wurde immer blasser. Bevor noch etwas Schlimmeres passieren konnte und er womöglich noch zusammen brach, ergriff ich schnell wieder das Wort.

„Wir erklären es euch. Aber können wir davor vielleicht frühstücken? Ich hab‘ einen gewaltigen Kohldampf“, meinte ich und als wäre das sein Stichwort gewesen, machte sich mein Bauch mit einem gewaltigen Brummen bemerkbar.

„Ja, natürlich“ Grace war noch immer etwas neben der Spur, aber wer sollte es ihr verübeln?

„Wir gehen uns noch schnell umziehen“, entschied Gideon und zog mich mit sich in unser Schlafzimmer. Dort fiel mir erst auf, wie blutverschmiert ich überhaupt war.

Ich zog mir schnell die Sachen aus und schmiss sie in die Wäsche; in der Hoffnung, dass das Blut nochmal rausgehen würde.

Daraufhin stand ich vor dem Schrank und entschied mich schlussendlich für eines von Gids T-Shirts und einer meiner Jogginghosen. Als ich mich angezogen hatte, drehte ich mich zu meinem Schatz um, der sich in der Zwischenzeit auch umgezogen hatte und mich musterte. Als er gemerkt hatte, dass ich fertig war, kam er mit großen Schritten auf mich zu. Er stand direkt vor mir, als er mich an sich zog und mich leidenschaftlich küsste. Oh, wie ich seine Küsse liebte und wie ich sie die letzten Stunden vermisst hatte…

Nach einiger Zeit löste er sich von mir und sah mir in die Augen. Seine Augen… Sie waren so schön wie das Meer, wenn es still dalag und die Sonne aufging. Oder wie eine Blumenwiese im Frühling, wenn alles grün aufblühte und die Sonne schien und es langsam warm wurde… Und noch schöner…

„Ich hab‘ dich so vermisst“, murmelte er und schlang seine Arme um mich.

„Ich hatte so Angst, dich zu verlieren. Dich für immer zu verlieren…“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Hauchen.

„Ich liebe dich“, murmelte ich gegen seine Brust.
„Und ich liebe dich. Und zwar für immer und ewig.“
Ich konnte gar nicht anders; Ich musste ihn einfach noch einmal küssen.

 

Als aus der Küche ein Poltern zu hören war und daraufhin Xemi durch die Wand geflogen kam, lösten wir uns wieder voneinander.

„Kommt ihr beiden jetzt mal? Der Rest da draußen macht sich mal wieder Sorgen um euch Turteltauben!“ Mit diesen Worten verschwand er auch wieder.

Seufzend drehte ich mich zu meinem Freund um.
„Bereit?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
„Bereit, wenn du es bist“, antwortete er, nahm mich an der Hand und führte mich nach draußen zu den anderen.

 

Sie saßen alle an unserem Esstisch im Esszimmer. Der Tisch war gedeckt und leicht überfüllt. Als ich das ganze Essen sah, bekam ich noch mehr Hunger und auch mein Magen machte sich wieder bemerkbar, woraufhin Grace mir mit einladender Geste zu verstehen gab, dass ich mich setzen und mir so viel Essen nehmen konnte, wie ich wollte.

Ich stürzte auf einen Stuhl zu, wohl darauf bedacht, nicht über meine eigenen Füße zu stolpern, ließ mich darauf nieder und schnappte mir ein Brötchen. Gideon lief schmunzelnd auf seinen Platz zu, als ich gerade dabei war, Butter auf mein aufgeschnittenes Brötchen zu schmieren.

Daraufhin suchte ich verzweifelt nach meiner Lieblingsmarmelade, die plötzlich wie aus dem Nichts vor mir auftauchte. Gideon hielt sie mir mit den Worten „Suchst du die hier?“ direkt unter meine Nase. Ich nickte lächelnd und nahm sie entgegen, woraufhin mein Freund mich nur schmunzelnd ansah.

Ich wiederum konzentrierte mich wieder vollkommen auf mein Frühstück.
Als ich die Marmelade beinahe meterdick auf meinem Brötchen verteilt hatte, biss ich genüsslich hinein.

Mann, hatte ich einen Hunger!








Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

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