Forever And Ever - I Am Lost Without You


6. Morgen bringt Sorgen


Gideons Sicht

 

Da war sie. Meine Gwenny. Wir lagen auf einer wunderschönen Blumenwiese und genossen die Sonne, die vom Himmel strahlte und uns mit ihren Strahlen wärmte.

Doch die Szenerie und der Moment war nur durch eine Person perfekt: meine Gwenny. Ich fragte mich bis heute, was sie an mir fand und wie sie mich lieben konnte. Ich hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts Besonderes an mir. Ganz im Gegenteil zu Gwenny. Sie hatte ein so wunderschönes Lachen, welches mir sogar in den beschissensten Situationen eine gute Laute verschaffen konnte und bei dem mir immer warm wurde. Ich brauchte gar keine Sonne. Sie war meine Sonne. Ohne sie könnte ich nicht leben, soviel war sicher.

Von ihren Augen wollte ich gar nicht erst anfangen. Sie waren so blau wie der Himmel im Sommer, wenn keine Wolke zu sehen war und die Sonne schien. Und sie waren so tief und so blau wie der Ozean. Ich konnte mich einfach immer darin verlieren. Im Moment waren ihre Augen leider zu, ansonsten wäre ich wohl wieder in ihnen versunken.

Sie konnte außerdem so gut küssen, wie niemand anderes es jemals könnte. Wenn sie mich küsste, verlor ich mich. Mein Gehirn schaltete sich aus und wollte immer mehr. Mehr von diesen wunderbaren, berauschenden Küssen.

Ich war wie ein Drogenabhängiger und Gwendolyn war meine Droge. Nur die Nebenwirkungen blieben aus.

Es gab so viele schöne Dinge, die ich an ihr liebte, dass ich sie gar nicht alle hätte aufzählen können.

Sie war perfekt und doch noch normal und nicht abgehoben. Ihr Lachen war ansteckend und wenn sie rot wurde, weil sie sich für etwas schämte…Hach, dann war sie einfach nur Super süß und ich könnte sie immer küssen.

Leider überschattete das, was ich gestern beim Elapsieren erfahren hatte, das Ganze. Doch ich genoss einfach die Momente, in denen ich meine Gwenny noch hatte.

Ja, sie war meine Gwenny. Niemanden würde ich an sie heran lassen. Ich würde bis zum bitteren Ende um sie kämpfen, sollte das mal erforderlich sein. Sie war meine Gwenny für immer und ewig. Das hatte sie gestern Abend extra noch einmal gesagt und ich würde niemals jemanden so lieben wie sie.

Ohne sie könnte ich nicht leben…Meine Gwenny.

Plötzlich ertönte eine Stimme und riss mich aus meinen Gedanken. Ich suchte die Wiese ab, aber außer Gwen, die noch immer neben mir lag und zu meinem Leid auch noch immer ihre wunderschönen blauen Augen geschlossen hatte, war niemand da.

Langsam drang der Sinn der Worte zu mir durch…

„Aufwachen! Der frühe Vogel fängt den Wurm!“ Na ganz toll. Ich wollte noch nicht aufstehen, weswegen mir der Satz „Xemerius, der frühe Vogel kann mich mal!“ auch schon auf der Zunge lag, doch Xemerius war mit seinem nächsten Satz schneller:

„Oh, wo ist denn deine Gwenny hin?“

Kaum hatte ich den Satz verstanden, schlug ich die Augen auf und sah an die Stelle, wo meine Prinzessin eigentlich hätte liegen sollen.

Doch da war niemand. Die Angst kam wieder hoch, wodurch mir ein Schrei entwich.

„Nein… Nein, das kann jetzt nicht wahr sein!“ Ich war mit meinen Nerven am Ende. Ich hatte nicht auf sie aufgepasst und jetzt war sie weg. Die Tränen, die nun anfingen, über mein Gesicht zu fließen, konnte ich nicht mehr unterdrücken.

Schnell stieg ich aus dem Bett. Ich musste sie suchen, ehe es zu spät sein würde. Wenn es nicht schon zu spät war.

‚Nein, Gideon! Sei optimistisch! Nur nicht die Hoffnung verlieren! Gib sie noch nicht auf! ‘, ermahnte ich mich selbst.

Ich musste sie suchen, da war ich mir sicher. Nur wo sollte ich anfangen? Sie hätte überall sein können.

Schnellen Schrittes eilte ich in die Küche, nur um feststellen zu müssen, dass sie dort nicht war.

‚Nicht aufgeben!‘, rief ich mir in die Gedanken.

Also ging ich weiter ins Esszimmer, das direkt an die Küche angrenzte. Auch dort war niemand.

‚Ok, Gideon, nur nicht die Fassung verlieren!‘

Ich hatte immer noch das Wohnzimmer vor mir. Noch einmal rief ich verzweifelt: „Gwenny? Bist du da?“, doch wieder meldete sich niemand. Alles war still.

Meine Stimme war immer zittriger geworden und am Ende des Satzes auch noch in Tränen untergegangen.
Aber ich hatte immer noch die Hoffnung, sie im Wohnzimmer zu finden. Ich atmete noch einmal tief durch, ehe ich die Türklinke der Wohnzimmertür herunterdrückte. Und dort wurde mir jegliche überbliebene Hoffnung genommen.

Alles war leer. Das Sofa stand an der Stelle, wo es immer stand. Dort saß ich gestern Abend noch mit Gwenny und genau dort hatte sie mir versichert, dass sie mich niemals verlassen würde.

Diese Erinnerung stürzte mit vielen anderen Erinnerungen an meine Gwenny über mich nieder. Das war zu viel für mich. Es tat so weh, dass ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte und auf die Knie sank. Ich konnte nicht mehr.

Nach einer Weile kam Xemerius durch die Wand geflogen und bei meinem Anblick wechselte seine Miene von niedergeschlagen in traurig-mitleidig.

„Es tut mir leid, Gideon, aber ich finde sie auch nicht. Aber werd' jetzt bloß kein Zimmerbrunnen! Ruf doch mal das Hundemädchen an“, riet er mir.

Hundemädchen? Wer war das denn nun schon wieder?

Xemerius schien meine Verwirrtheit nicht entgangen zu sein, denn er erklärte: „Na Leslie!“
Jetzt verstand ich. Wieso war ich nicht selbst darauf gekommen, Les anzurufen? Sie würde mir bestimmt bei der – in meinen Augen hoffnungslosen – Suche nach Gwendolyn helfen.

Ich stürmte mit einem „Danke“, welches an Xemi gerichtet war, der noch immer an unserer Lampe herumturnte, raus in den Hausflur, wo das tragbare Telefon in der Dockingstation steckte.

Schnell wählte ich Raphs Nummer und nach einigem Tuten hörte ich eine fröhliche weibliche Stimme.
„Hey Gwen, was gibt’s?“, fragte mich Leslie. Bei Gwennys Namen zuckte ich zusammen und schluchzte auf. Sofort änderte sich Leslies Stimmung und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie sie sich anspannte.

„Was ist los, Gideon?“, schrie sie schon beinahe in den Hörer und ich konnte die Verzweiflung und Angst nur zu gut hören.
„Sie…ich…ich finde meine Gwenny nicht mehr!“ Der Rest ging in Tränen unter.

Am anderen Ende der Leitung hörte ich nun eine eher verwirrte Leslie.
„Und was ist daran jetzt so schlimm? Sie wird zum Bäcker gegangen sein“, versuchte sie mich zu beruhigen. Doch ich würde mich ganz bestimmt nicht beruhigen. Ich wurde wütend, auch wenn ich wusste, dass sie nichts dafür konnte.

„Nein, Les! Sie wird ganz bestimmt nicht zum Bäcker gegangen sein! Nicht, nach dem, was ich gestern herausgefunden habe!“

Leslie fragte nicht weiter, sondern erwiderte nur schnell ein „Ok, wir sind so schnell wie möglich bei dir.“

Im Hintergrund hörte ich Charlie verwirrt fragen, was los sei, doch Leslie antwortete nur ein: „Ich erklärs dir unterwegs.“

Und wieder kam das Zeichen, dass aufgelegt worden war.

Ich schleppte mich, nachdem ich das Mobiltelefon wieder an die Station angeschlossen hatte, in die Küche und nahm mir hochprozentigen Alkohol. Zwar wusste ich, dass dieser nicht gut für mich war, immerhin hatte ich Medizin studiert, doch das war mir im Augenblick egal, denn ich musste irgendwie meinen Kummer und Schmerz verdrängen. Und das ging eben am besten mit Alkohol. Und außerdem vertrug ich viel, weshalb ich nicht so schnell total dicht war.

Als ich gerade mein drittes Glas leer getrunken hatte, kam der kleine Dämon durch die Wand gelogen. Als er die Flasche in meiner Hand sah, entwich ihm ein „Ach du meine Scheiße!“

Daraufhin versuchte er vergeblich, mich aufzuheitern und mich aufzubauen, doch dazu hätte er mir Gwendolyn mitbringen müssen.

Da das alles nichts half, machte er sich irgendwann mit den Worten „Ich suche sie mal weiter, vielleicht finde ich sie ja doch noch“ wieder auf den Weg. Ich wusste nicht, wo er noch suchen wollte, denn wir konnten ja schlecht ganz London absuchen.

Ich war gerade dabei, mein x-tes Glas zu trinken, da klingelte es. Ich hatte schon vor einiger Zeit aufgehört die Gläser und Flaschen zu zählen, die ich getrunken hatte.

Dies war wohl ein Fehler, wie sich gleich herausstellte, denn durch den vielen Alkohol war ich schon leicht angeheitert, weshalb ich auch leicht taumelnd auf die Tür zuging.

‚Nein, Gideon! Stell dir vor, das ist Gwendolyn! Was soll sie denn dann von dir denken? Oder auch wenn es nur Les und dein Bruder sind. Reiß dich zusammen!‘

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf straffte ich meine Haltung so gut es eben mit dem vielen Alkohol im Blut ging und öffnete die Tür. Zu meinem Leid waren es aber weder Gwen noch Les und Raph.

Die beiden Männer vor der Tür kamen mir recht merkwürdig vor. Sie sahen auf keinen Fall wie nette Leute aus, noch wie diese Vertreter für Staubsauger & Co. Kg. Nein, sie wirkten auf mich eher wie Verbrecher.

„Mr. De Villiers? Gideon De Villiers?“, fragte mich der kleinere der beiden. Er hatte so eine mainstream-Stimme, die mich zusammenzucken ließ.

„Äh, ja?“, fragte ich verwirrt. Woher wussten sie meinen Namen? Und wieso wurde ich das blöde Gefühl nicht los, dass sie etwas mit Gwendolyns Verschwinden oder auch nur mit Gwendolyn zu tun hatten? Und das meinte ich nicht im positiven Sinn.

Daher rutschte mir auch die Frage „Was habt ihr mit meiner Gwendolyn gemacht?“ heraus. Toll gemacht, Gideon! Und was, wenn sie doch nichts mit Gwen zu tun hatten?

Doch dieser Gedanke wurde nach ihrer Antwort auch gleich wieder verworfen. Denn wenn man mit „Wir haben mit ihr bisher noch nichts gemacht“ geantwortet bekommt, weiß man schnell, dass die beiden sehr wohl etwas mit meiner Gwenny zu tun hatten.

Augenblicklich wurde es kalt und ich spannte mich an.

„Was wollen Sie von uns?“, stellte ich die Frage, die mir die ganze Zeit schon auf der Zunge lag. Mann, war ich wütend.

„Euer Leben. Oder zumindest das deiner Freundin.“

Wow, direkter ging es ja wohl nicht mehr. Ziemlich überrumpelt stand ich wie angewurzelt noch immer in der Tür.

‚Sie wollen sie umbringen‘, schoss es mir in den Kopf.

Meine Gwendolyn. Meinen Schatz. Meine Prinzessin. Meine Gwenny.

Und wieder kamen mir die Tränen.

Da ich noch immer starr da stand und mich nicht rühren konnte, nutzte einer der Fremden, der nebenbei bemerkt etwas größer war als sein Kumpan, diese Gelegenheit, um mich zu schnappen und in den Würgegriff zu nehmen.

Ich war noch immer unfähig etwas zu tun. Mein einziger Gedanke war: ‚Sie dürfen Gwen nichts antun!‘

Ich nahm nur nebenbei wahr, wie die Tür geschlossen und ich weiter in die Wohnung gebracht wurde. Langsam bekam ich keine Luft mehr, doch ich hatte gerade andere Sorgen.

Gwen war nicht hier, die beiden Gestalten wollten sie umbringen und ich wurde hier im Schwitzkasten gehalten und konnte gar nichts machen.

Einer der zwielichtigen Gestalten schrie, als wir wieder zum Stehen gekommen waren, in der Wohnung herum, das Gwendolyn rauskommen sollte, wenn sie mich lebend sehen wollte.

Ich war so niedergeschlagen, denn Gwenny war doch gar nicht hier!

„Sie ist nicht hier! Nicht mehr. Ich weiß doch auch nicht, wo sie ist!“ Ich bekam bald keine Luft mehr. Daher war es auch eher zwischen den Zähnen herausgepresst. Und doch schwang Traurigkeit und Hilflosigkeit in meiner Stimme mit.

Auf einmal vernahm ich ein Rascheln, welches aus der Garderobe kam. Einige Jacken fielen heraus, doch das war noch nicht alles, was heraus kam.

Da stand sie. Gwendolyn. Meine Gwenny.
Sie sah mich traurig an und ich konnte sie nur fassungslos ansehen. Wo kam sie jetzt her? Klar, ich wusste, dass sie aus der Garderobe gekommen war, doch wo war sie zuvor gewesen?
Sie blickte irgendwo an die Decke, wo, wie ich aus den Augenwinkeln erkennen konnte, Xemerius sich sichtbar machte.

Er erzählte mir, dass er sie im Badezimmer, wo sie geduscht hatte, gefunden hatte. Mist. Wie hatte ich das Badezimmer vergessen können? Und er erzählte mir auch, dass er sie in der Garderobe versteckte, nachdem er die beiden Typen gesehen hatte.

Ich schaute sie fragend an.

„Stimmt das?“, krächzte ich, darauf bedacht, nicht zu viel Energie und Atem zu verschwenden. Ich suchte in ihren Augen eine Lüge, als sie nickte, doch ich fand keine. Wie hatte ich nur glauben können, sie würde mich anlügen.

Sie entschuldigte sich bei mir, doch sie konnte doch gar nichts dafür. Hätte ich an das Bad gedacht, wären wir nun vielleicht gar nicht in dieser Situation.

Xemerius warf irgendeinen Kommentar ein, als Gwenny die Tränen in die Augen traten. Irgendetwas mit Zimmerbrunnen hatte ich verstanden. Was auch immer das sein sollte.

Ich konnte jedoch einfach nicht meinen Blick von ihr losreißen und plötzlich ging alles ganz schnell…

 

Der Kleinere der beiden sprang auf Gwendolyn zu, die mich noch immer ansah. Dies jedoch beruhte auf Gegenseitigkeit. Er verdrehte ihre Hände auf den Rücken und nahm auch sie in den Schwitzkasten. Noch immer ruhte ihr Blick auf mir, jedoch konnte ich nun Angst in ihren Augen sehen und da erwachte ich wieder aus meiner Starre und versuchte, ihr zu helfen. Doch je mehr ich mich bewegte, desto weniger Luft drang in meine Lunge und desto weniger konnte ich mich bewegen.

Im Endeffekt konnte ich also überhaupt nichts für sie tun, was um einiges mehr schmerzte, und ich musste mitansehen, wie Gwen ins Wohnzimmer verschleppt wurde. Doch noch bevor sie durch die Tür getreten waren, rief ich mit aller Kraft, die ich aus mir hervorbringen konnte und auch wenn es wehtat: „Nein! Gwenny! Bitte nicht! Lasst meine Gwenny los!“

Gwendolyn zuckte merklich zusammen, als die Worte aus mir herausschossen. Und kurz darauf war sie auch schon außerhalb meiner Sicht. Doch schon einige Zeit später setzte sich auch mein Kidnapper in Bewegung und schliff mich mit sich in den Raum hinein. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass der andere Typ Gwen gezwungen hatte, sich hinzuknien. Meine Gwenny musste sich von so einem Psycho so etwas gefallen lassen… Nein, das durfte sie nicht. Sie war MEINE Gwenny. Sofort ballte ich meine Fäuste. Wenn ich den zu fassen bekäme, der würde sich wünschen, nie geboren worden zu sein.

Als ich in das Gesicht dieses Verbrechers sah, konnte ich dort ein schmutziges Grinsen erkennen, als er meinen geschockten und wütenden Gesichtsausdruck sah.

‚Was hat dieser Psycho vor?‘, dachte ich mir.

Der würde doch jetzt nicht etwa… Meine Gedanken schweiften zu einer Vergewaltigung oder noch schlimmer ab. ‚Was, wenn er will, dass ich das alles mache?‘, schoss es mir in den Kopf. Allein die Vorstellung, das nur mitanzusehen, war schon schlimm genug… Bäh!

Tränen bahnten sich an. Wieso konnten wir nicht genau jetzt in der Zeit springen. Egal wo hin, nur nicht in diese Zeit? Aber meine Gebete wurden natürlich nicht erhört. Und dann sah ich etwas… Doch noch bevor meine Gedanken darauf eingehen konnten, wurde ich von Gwendolyn davon abgelenkt.

Meine Freundin sah mich an und es kam mir vor, als würde die Zeit stehen bleiben, so viel Liebe steckte in unserem Blickkontakt.

Sie presste ein „Ich liebe dich, Gideon“ hervor, als der Psycho hinter ihr das Ding, welches er zuvor hervorgeholt hatte, ihr an den Hals legte. Mann, war das vielleicht eine verdammt scharfe Klinge. Dieses Ding war riesig und ich wusste nur zu gut, wie scharf dieses Ding wirklich war und wie gut man damit durch Fleisch aller Sorten schneiden konnte, denn ich wurde darüber mal in einem meiner Kurse, die ich von der Loge aus mal belegt hatte, aufgeklärt.

Mein Schatz brachte mich wieder in das Hier-Und-Jetzt zurück, indem sie „Nein, bitte nicht“ hauchte.

Kaum war es über ihre Lippen gekommen, da schnitt der Psychopath, der meine Gwenny festhielt, ihr die Kehle durch.

Es war ein schneller, jedoch auch tiefer Schnitt gewesen, weswegen auch gleich das Blut kam. Da ich direkt vor meiner Freundin stand, bekam ich auch viel davon ab. Das Blut schoss nur so aus ihr heraus und spritzte alles, was in ihrer unmittelbaren Umgebung stand oder lag, voll. Verzweifelt schrie ich ihren Namen, in der Hoffnung, sie hatte es gehört.

Schnell war sie voller Blut und es kam mir so vor, als würde dieses nicht aufhören wollen, weiter zu fließen.

Ich versuchte mich aus den Armen meines Entführers zu lösen, doch das misslang mir gründlich. Das einzige, was sich änderte, war der Griff um meinen Hals, der nun nur noch stärker wurde.

Der Typ, der Gwendolyn vorher noch festgehalten hatte, ließ sie nun los, wodurch sie ziemlich unsanft auf dem Boden aufschlug. Dort lag sie nun, regungslos, ohne Atem oder Herzschlag. Ihre Augen waren glasig und das Blau, das ich so gerne sah, war verbleicht. Und dann schlossen sie sich und ich konnte ihr Blau überhaupt nicht mehr sehen.

Die Bilder des Balles kamen mir wieder in Erinnerung. Wie sie damals so da lag. Genauso wie jetzt. Ich wusste zwar, dass sie unsterblich war, doch machte es die Sache nicht wirklich besser, dass sie erneut so da lag und tot war.

Mein Gehirn wollte einfach nicht begreifen, dass sie die Unsterblichkeit in sich trug. Aber wer soll so was auch begreifen?

Ich wurde aus meinen schrecklichen Erinnerungen an den Ball geholt, als mein Kidnapper mich unsanft dazu brachte, mich vor ihn hinzuknien.

‚Was haben die mit mir vor?‘, fragte ich mich in Gedanken, doch diese Frage wurde mir unmittelbar danach beantwortet, als Gwens Mörder mir vorwarf, ich hätte sei angelogen und meinte, dass ich außerdem nur ein lästiger Zeuge wäre. Aber ich hatte sie doch gar nicht angelogen. Ich hatte doch wirklich nicht gewusst, wo sie war.

Wieder hielt er das Messer von vorhin in seiner Hand und setzte es auch bei mir an. Mit den Worten „Sag „Tschüss, liebe Welt“, Gideon“, schnitt er auch mir die Kehle durch, wodurch ich keine Chance bekam, auch nur irgendetwas zu sagen. Ich merkte nur noch, wie ich nach vorne kippte, da der verdammte Psycho mich losgelassen hatte und dann wurde alles schwarz.

Doch schon kurze Zeit später fand ich mich an der Decke wieder, von wo aus ich auf alles einen guten Blick hatte. Wenn nicht sogar einen hervorragenden Blick.

Da lagen Gwendolyns - meine Gwenny - und mein Körper. Die beiden Psychos waren gerade durch die Tür nach draußen verschwunden und ich war mehr als erleichtert, als ich erkannte, dass sie sich nicht an Gwens Leiche vergriffen hatten. Es war schon schlimm genug, dass sie sie (und mich) umgebracht hatten.

Plötzlich klingelte es. Ich war jedoch nur ein kleiner unbedeutender Partikel und Zuschauer, der die Tür nicht öffnen konnte. Außerdem war ich auch nicht in meinem Körper, der leblos und ziemlich unnütz auf den Fließen des Wohnzimmerbodens lag, sodass dieser ebenfalls nicht öffnen konnte. Außerdem fehlte ihm mein Geist oder meine Seele. Wie auch immer man den Teil, der hier an der Decke war, bezeichnen wollte.

Gwendolyn konnte auch nicht öffnen, da sie gerade bestimmt dasselbe Problem hatte wie ich in diesem Moment.

Leise Stimmen drangen zu mir durch, doch leider waren sie zu sehr gedämpft, sodass ich nichts verstand, was sie sagten. Glücklicherweise konnte ich sie jedoch Personen zuordnen. Das einen war Leslie. Ganz eindeutig.

Und das andere war mein Brüderchen. Ich hatte sie ja vorhin noch angerufen, kam mir in Gedanken. Die hatte ich jetzt ganz vergessen…

Die Tür wurde aufgerissen und die beiden kamen hereingestürzt. Hinter ihnen erschien noch eine dritte Person, die ich als Charlotte identifizierte. Ich war so froh, dass sie sich endlich mit Gwen verstand und aufgehört hatte, mir hinterher zu rennen, denn es hatte gewaltig genervt.

So standen also die drei nun wie angewurzelt da, bis Leslie plötzlich zusammenbrach. Sie rief noch etwas, doch ich verstand es nicht.

Charlie hielt sie vom Boden fern, da sie Leslie gerade noch rechtzeitig gepackt hatte. Man sah ihr an, dass Les etwas schwerer war, als Charlotte anfänglich dachte. Sachte legte sie sie auf dem Boden ab und versuchte ab dem Moment, sie wieder zu Bewusstsein zu bekommen.

Mein Blick schweifte wieder zu meinem Bruder hinüber, der sich kein bisschen für das Wohl seiner Freundin zu interessieren schien, denn er half ihr kein bisschen, sondern starrte nur die beiden Leichen auf dem Boden an.

Irgendetwas vor sich hin murmelnd – was ich hier auf meiner Position ja nicht verstehen konnte – kam er auf Gwens und meinen Körper zu. Dabei zitterte er und wankte noch dazu wie ich vorhin, nachdem ich mir den Alkohol genehmigt hatte.

Auf einmal, als Raph direkt neben meiner Leiche oder was auch immer das war, stand, schrie er ein Wort. Aber wie bereits kurze Zeit zuvor verstand ich die Bedeutung des Wortes nicht. Ich wusste nur, dass er, was ich durch die Lautstärke und die Kräftigkeit seiner Stimme vermutete, geflucht hatte.

Im nächsten Moment brach auch er zusammen, doch er wurde – im Gegensatz zu seiner Freundin – nicht ohnmächtig.

Als er neben mir – oder eher meinem Körper – kauerte, nahm er diesen in den Arm. Wir hatten ihm ja nichts von der Unsterblichkeit erzählt…

Doch mir wäre es wirklich wichtiger gewesen, wenn er sich nicht nur um mich, sondern sich auch um meine Gwenny sorgen und kümmern würde. Klar, ich war sein großer Bruder, aber Gwen war doch auch wichtig…

Doch niemand kümmerte sich um sie…

Raphael kümmerte sich nur um meine Wenigkeit, Leslie lag noch immer bewusstlos in der Tür und Charlie kümmerte sich um Les.

Ich konnte mich zwar auch nicht um Gwendolyn kümmern, aber es kam mir auch so vor, als wäre ich der Einzige, der sich überhaupt Sorgen um sie machte. Bei Les wusste ich es zwar nicht so genau, immerhin wusste ich ja nicht einmal ihre Beweggründe, wieso sie zusammengebrochen war, doch ich denke, es war aufgrund der Unmengen an Blut. Es könnte aber auch aufgrund von Gwen gewesen sein. Oder eben wegen den beiden Dingen zusammen. Charlie machte sich vielleicht auch einige Sorgen, doch an erster Stelle stand bei ihr jetzt gerade Les – was ja auch selbstverständlich war, denn Leslie war ja nicht wie Gwendolyn unsterblich.

Ich kam gar nicht dazu, meine Gedanken fertig zu denken, denn das schwarze Nichts hatte mich wieder „verschlungen“.

Endlich konnte ich meinen Körper wieder spüren und damit auch wieder die Schmerzen. Plötzlich kam die Leere wieder, doch es dauerte auch dieses Mal nicht lange, bis ich mich erneut in meinem Körper wiederfand. Und nun tat auch nichts mehr weh.

Ich atmete, mein Herz schlug wieder und auch meinen rechten Zeigefinger konnte ich wieder bewegen.

Selbst meine Ohren funktionierten wieder, wie ich feststellte, denn ich vernahm meine absolute Lieblingsstimme, die mit einer Lautstärke meinen Namen schrie, dass es sich ebenfalls recht gut um einen Stadionsprecher hätte handeln können. Ich hatte echt Angst, einen Hörsturz zu bekommen.

Das war Gwenny. Meine Gwenny.

„Gwenny…“ murmelte ich, um ihr zu signalisieren, dass ich wieder da war und es überstanden hatte, doch ich hatte doch weniger Kraft, als anfänglich gedacht, daher ging es nicht lauter.

Leider antwortete mir nicht mein Schatz, sondern mein Bruder.

„Gid?“, fragte er zaghaft und ich wurde etwas weiter weggehalten.

Hatte er Gwendolyn denn etwa nicht meinen Namen rufen hören? Das war doch unüberhörbar gewesen!

Augenblicklich öffnete ich meine Augen und sah in zwei smaragdgrüne, jedoch leicht rötlich verfärbte Augen. Raphael.

„Gideon!“, schrie er begeistert und strahlte über sein ganzes Gesicht.

Leicht verwirrt sah ich ihn an. In meinen Augenwinkeln sah ich, wie sich etwas bewegte, doch als ich hinüber sah, war dort plötzlich nichts mehr.

Wahrscheinlich hatte ich es mir doch nur eingebildet.

Mein Blick wanderte zu Leslie und Charlotte. Leslie lag noch immer ohne Bewusstsein da und Charlie versuchte noch immer verzweifelt ihr zu helfen, auch wenn es so aussah, als ob sie Les nicht viel helfen könnte. Da musste sie nun selbst durch.

Charlottes und mein Blick trafen sich und ihr huschte ein kleines, liebevolles und erleichtertes Lächeln über die Lippen.

Ich lächelte zurück. Da ich wusste, dass sie nun einen Freund hatte, musste ich mir auch keine Gedanken mehr machen, dass sie mein Lächeln falsch interpretieren könnte.

Ich würde mein Leben lang nur eine Person lieben und das war meine Gwenny. Mein ganzes unsterbliches Leben.

Natürlich würde ich meine Kinder, die vielleicht irgendwann mal dazukommen würden, auch lieben. Aber das wäre dann eine Vater-Kind-Liebe. Das zwischen Gwen und mir war etwas anderes.

Unsere Liebe war besonders und einzigartig.

Wenn wir gerade bei Gwendolyn waren, da fiel mir ein, dass sie noch vor mir hätte „zurück“ sein sollen. Doch ich sah sie hier nirgends… Langsam machte ich mir noch mehr Sorgen. Meinen suchenden Blick ließ ich weiter durch den Raum schweifen, bis ich neben mich sah.

„Gwenny! Nein! Bitte nicht!“, schrie ich aus vollem Leibe, als ich sie sah. Sie war noch immer voller Blut, aus ihrer Wunde tropfte es noch immer und sie atmete auch immer noch nicht wieder.

Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten, sodass sie wie ein Bach über mein Gesicht flossen. Ich wusste selbst nicht, wieso ich es tat, doch ich nahm ihren Körper in meinen Arm, wodurch ich spürte, dass sie nicht nur keinen Atem, sondern noch nicht einmal einen Herzschlag hatte.

Immer mehr Tränen bahnten sich den Weg über meine Wangen.

„Gwenny… Ich liebe dich!“

 

Kurze Zeit später – es kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit – materialisierte sich mein kleiner dämonischer Freund über mir in der Luft und meinte mit seiner kindischen, aber auch beruhigenden Stimme: „Deine Gwenny liebt dich auch, Gideon“, und dann fügte er noch hinzu: „Ich weiß, sie würde wollen, dass du das weißt.“

Zuvor hatte ich ihn nicht wirklich wahrgenommen.

Ja, ich wusste, dass er da war, doch irgendwie war es auch an mir vorbei gezogen. Deshalb drehte ich nun meinen Kopf auch blitzschnell in seine Richtung und rief begeistert seinen Spitznamen.

Ohne auf die anderen Anwesenden zu achten schrie ich ihm fragend zu, was passiert sein könnte. Verdammt, sie war doch noch vor mir getötet worden! Das konnte doch nicht sein! Das durfte einfach nicht sein!

„Ich will meine Gwenny zurück!“, schrie ich unter Tränen. Ich konnte einfach nicht anders. Ich wollte sie nicht verlieren. Sie war doch alles, was ich hatte!

Auf einmal war Xemerius wieder verschwunden, doch das war mir jetzt auch egal. Ebenso, dass er mir keinerlei Antworten gegeben hatte.

Ich wollte nur, dass meine Prinzessin wieder zurückkommen und ich wieder ihr wunderbares Lachen hören, ihre atemberaubenden Küsse spüren und schmecken und ihre wunderschönen saphirblauen Augen, in denen ich mich so gerne verlor, sehen würde.

Ich wollte sie nicht verlieren.

Wie sollte ich nur ohne sie weiterleben?

Sie war die Einzige und würde auch für immer und ewig die Einzige für mich bleiben.

Niemand brachte mich so zum Lachen, Weinen und Träumen wie sie. Und nur sie konnte dieses Gefühl in mir wecken, das sich anfühlte, als würde ich vom Boden abheben und auf einer Wolke schweben.

Mit ihr blieb manchmal sogar die Zeit stehen.

Nein, ich wollte sie auf keinen Fall verlieren!

Deshalb flehte ich sie, oder eher ihren Körper, an, wieder zu mir zurückzukommen und mich nicht zu verlassen, in der Hoffnung, sie könnte es hören.

Raphael schien so langsam die Geduld mit mir zu verlieren, denn er versuchte mich mit aller Gewalt von Gwendolyn loszureißen.

Aber ich würde sie nicht loslassen. Oh nein. Nur über meine Leiche.

Leslie war auch endlich wieder zu sich gekommen, was mir aber erst auffiel, als sie zögernd den Spitznamen meiner Freundin, die in dem Moment in meinen Armen lag, sagte.

Und dann stellte sie DIE Frage, die mich auch die ganze Zeit beschäftigte: „Wer war das?“

Doch ich konnte sie nicht beantworten, denn ich wusste es ja selbst nicht. Aber wenn ich es wüsste, würden die verantwortlichen Personen kein schönes Leben mehr haben… Wenn sie überhaupt noch eins haben würden.

Raph zog noch immer an mir wie an einem Seil beim Tauziehen.

Wütend fuhr ich ihn an. Was dachte er sich dabei? Ich würde sie ganz bestimmt nicht loslassen. Sie war meine Gwenny. Meine tote Gwenny.

Tot…

Ich murmelte in ihr wunderschönes Haar, das so sehr nach ihr roch und dessen Geruch ich erst noch einmal tief einatmete, mit der Hoffnung, dass sie mich hören konnte: „Ich lass dich nicht los, Gwenny… du bist und bleibst MEINE Gwenny… Für immer und ewig und für alle Ewigkeit.“ Doch noch immer tat sich nichts.

Ich war so verzweifelt, dass ich nach meinem dämonischen Freund rief und ihn nochmals fragte, was passiert sein könnte.

Verdammt Gwens Wunde fing schon wieder an zu bluten! Wo kam dieses ganze Blut her?

Ich tastete nach ihrer Herzschlagader, doch da war kein Puls.

Xemerius tauchte – wieder einmal – wie aus dem Nichts auf und antwortete mir. Durch seine Worte bekam ich wieder Hoffnung, dass Gwen es doch noch schaffen könnte.

Verzweifelt, wie ich war, redete ich weiter auf Gwendolyn ein, doch scheinbar half es nichts.

Raphael zog nach wie vor an mir. So langsam platzte mir wirklich der Kragen.

„Verdammt, jetzt lass mich doch endlich mal los, Raph!“, schrie ich ihn an, doch er machte keinerlei Anstalten, seinen Griff zu lockern. Stattdessen sah er mich nur merkwürdig an und rief laut aus, dass ich wohl von allen guten Geistern verlassen worden war, was wiederum von Xemerius mit „Nein, einer ist noch da! Und zwar ich!“, kommentiert wurde. Ich konnte gar nicht anders, als kurz zu lachen. Sagte er nicht immer, er wäre kein Geist, sondern ein Dämon? Scheinbar hatte er dies gerade vergessen.

Schnell verflog meine gute Laune aber auch wieder, denn Gwenny lag ja noch immer in meinen Armen. Und sie war immer noch tot...

Leslie meldete sich zu Wort, indem sie fragte, ob ich Xemerius sehen könne. Sie klang dabei ungläubig, als würde sie es nicht wirklich glauben können. Ich konnte es ihr auch nicht wirklich verübeln, immerhin konnte ich es bis gestern Abend auch nicht glauben…

Bevor ich auch nur zu einer Antwort ansetzen konnte, schrie mein kleiner Bruder mal wieder dazwischen und fragte, wer zum Henker Xemerius sei.

Daraufhin fing Les an zu erzählen, doch als sie in Tränen ausbrach, übernahm ich dies. Bei mir liefen zwar auch Tränen aus den Augen, doch bei mir konnte man wenigstens einigermaßen verstehen, was ich sagte, was man bei Leslie nicht wirklich behaupten konnte.

Ich erzählte davon, was gestern Abend passiert war und wie es dazu kam, dass ich Xemerius nun auch sehen konnte – zumindest manchmal.

Mein letzter Satz war aufgrund der schönen Erinnerung an meine Gwenny größtenteils in Schluchzern untergegangen.

Auch Charlie, die sich bisher noch gar nicht geäußert hatte, meldete sich nun zu Wort.

„Jetzt guck nicht so ungläubig!“, fuhr sie ihn an, nachdem auch sie geendet hatte und Raphael noch immer ziemlich danach aussah, als wolle er uns gleich alle zusammen in die geschlossene Anstalt stecken.

Danach herrschte Stille. Meine Gedanken waren bei dem schönsten, lustigsten, wunderbarsten, liebevollsten und süßesten Wesen auf dieser Welt, das nun in meinen Armen lag und scheinbar niemals wieder aufwachen würde.

Meine Gwenny hatte so viele gute Eigenschaften gehabt, dass ich sie immer wieder wiederholen und mir ins Gedächtnis hatte holen konnte.

Immer wieder erschien das Bild von ihr vor meinem inneren Auge, auf dem sie mich lächelnd ansah.
Doch je mehr ich an sie dachte, desto mehr vermisste ich sie und desto mehr tat es weh und immer mehr Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.
Ich wusste, dass es eigentlich keine Hoffnung mehr gab, dass sie noch einmal zu mir zurückkommen würde.
Aber die Hoffnung starb ja bekanntlich zuletzt und bei mir überlebte sie sowieso immer am längsten…
Ich weinte noch immer und schloss meine Augen. Ich wollte nicht ohne sie leben. SIE war mein Leben.
Mein Leben hatte ohne sie keinen Sinn.

Ich hörte sie in meiner Erinnerung seufzen.
Wie ich ihre klare Stimme vermisste. Sie hatte eine so schöne und klare Stimme und wenn sie sang, ging mein Herz auf. Da war es mir sogar egal, dass sie gelegentlich mal Songs aus Musicals sang. Wenn sie sang, konnte man sogar beinahe das Kriegsbeil mit Musicals begraben.

Vor meinem Auge spielte sich die Szene ab, wie sie damals auf der Soiree ein Lied aus Cats gesungen hatte. Ihre Stimme war so wunderschön wie ein Regenbogen, wenn die Sonne wieder aus ihrem Versteck hinter den Regenwolken herauskam.

Mir fiel auf, dass mein werter Bruder aufgehört hatte, an mir zu ziehen.
‚Endlich‘, dachte ich mir. War aber auch mal Zeit!

Wieder tauchte Gwennys Bild auf. Doch dieses Mal war es das Bild von dem Moment, als sie bei Lucy und Paul sich mit Muffins vollgestopft, mir ihr breitestes Grinsen geschenkt und damit die Sicht zu ihrem halbzerkauten Muffin gewährt hatte. Sie war damals so süß gewesen und hatte keine Ahnung gehabt, weshalb ich gegrinst und Lucy gekichert hatte. Dann, als es auch ihr aufgefallen war, wurde sie wieder so rot, weil sie sich schämte, wobei sie immer so süß aussah.

Das Bild bewegte sich und wurde zu einer Art Film. Noch immer grinsend sagte sie zu mir: „Bitte nicht weinen. Du weißt, dass ich das nicht mag!“
Langsam stand sie auf und wandte sich zum Gehen. Nein, ich wollte sie nicht gehen lassen. Wenn ich sie jetzt gehen lassen würde, wäre sie weg. Und das wohl für immer. Nein, das wollte ich nicht!
„Meine Gwenny…“ Sie drehte sich zu mir um und hatte noch immer ein Lächeln im Gesicht.

„Ja?“, fragte sie mit ihrer Stimme und ich wusste trotzdem, dass sie in der Realität nicht mit mir sprach, sondern nur in meiner Einbildung. Und doch genoss ich es.

„Bleib bei mir!“, antwortete ich. Es hörte sich an wie ein Flüstern. Ein leises Flüstern und trotzdem schien sie verstanden zu haben.
„Ich bin für immer bei dir. In deinem Herzen. Für immer und ewig und für alle Zeit, solange du mich in deinem Herzen trägst, mich liebst und mich nicht vergisst.“
‚Wie könnte ich dich vergessen?‘ , dachte ich mir, doch sprach es nicht aus.
„Komm‘ wieder zu mir zurück“, sagte ich stattdessen.

Ihr Gesicht änderte sich nicht wirklich. Keine Regung. Langsam verschwand ihr Bild wieder, welches stehen geblieben war und ein Neues erschien.

Obwohl, wenn man so darüber nachdachte, war neu relativ. Es war das Bild vom Ball, als sie mit einem Degen durchbohrt worden war. Immer wieder lief die Szene ab. Nein, ich wollte das nicht mehr sehen und durchleben. Zwischendurch kam dann wieder das Geschehene von vorhin hoch.

‚Wieso? Wieso meine Gwenny?‘, fragte ich mich immer wieder.

Raphael brachte mich wieder aus meinen Erinnerungen und Gedanken zurück in das Hier-und-Jetzt, indem er abermals damit anfing, an mir zu zerren und mich dazu zu überreden, Gwen endlich loszulassen. Aber genau das wollte ich nicht.

„Ich denke gar nicht dran! Sie ist meine Gwenny! Und ich lass‘ sie nicht mehr los! Niemals!“, schrie ich ihn an. Konnte er mich denn überhaupt nicht verstehen?
Doch die Nervensäge ließ nicht locker.
„Gid! Du erdrückst sie noch!“

Hallo? Hatte er denn immer noch nicht verstanden, dass das überhaupt nicht mehr möglich war?
Genau das machte ich ihm jetzt klar. Und erst, als ich die Tatsachen ausgesprochen hatte, drangen sie wirklich zu mir durch.
„Das kann ich gar nicht mehr! Sie ist nämlich bereits tot, sollte es dir immer noch nicht aufgefallen sein!“

Die Bedeutung meiner eigenen Worte traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Sie war tot.

Leise, sodass Raph es bestimmt nicht hören konnte, murmelte ich „Meine Gwenny ist tot und kommt nie mehr zurück“, um mir endgültig meiner Worte klar zu werden. Laut erklärte ich ihm, dass sie, wenn sie 45 Minuten keinen Puls hatte, nicht mehr leben könnte. Er als angehender Medizinstudent musste das doch gut genug wissen.

Ich war wütend. Wütend auf Raph, dass er es scheinbar immer noch nicht verstanden hatte oder es einfach nicht verstehen wollte. Und dann war ich auch noch traurig. Was sollte ich denn jetzt machen?

Raph ließ immer noch nicht locker.

Was hatte der denn für ein Problem? Kommt damit, dass ich bald gar keine Gwenny mehr haben würde, wenn ich sie nicht loslassen würde.

Ich verstand nur Bahnhof. Konnte der sich nicht einmal deutlich ausdrücken?
Außerdem war ich fassungslos. Was sollte das jetzt?

Und dann kam auch noch der weise, ernste Dämon dazu, der behauptete, ich solle lieber auf mein Brüderchen hören. Und dann fragte er mich auch noch, ob ich wollte, dass ich sie ganz und gar verlor.

Was sollte das? Ich hatte sie bereits verloren!

Verzweifelt versuchte ich Sätze zu bilden, die meine Verwirrung verständlich machten. Naja, das Herumgestammelte zeigte zumindest, dass ich verwirrt war. Wenigstens etwas.

Und dann schlug Xemi vor, ich solle meinen Griff lockern und sie umdrehen, sodass ich ihr ins Gesicht sehen konnte.

Wie geheißen drehte ich sie um. Und wieder kam alles hoch. Ihre Augen waren noch immer geschlossen und sie sah auch noch immer sehr tot aus.

Erneut wurde ich wütend. Wütend auf alles und jeden. Wieso machten sie mir Hoffnung?
Die Wut verwandelte sich in Niedergeschlagenheit.

„Ich sage doch, ich hab sie verloren“, sagte ich, jedoch eher an mich und niemanden bestimmten gerichtet.
Nun stellte ich die beiden, die mir die viele Hoffnung gemacht hatten, zur Rede.
Wieso hatte ich sie loslassen sollen?

Doch anstatt einer Antwort von der beiden, erhielt ich von einer weiblichen Stimme, die ich jetzt am wenigsten erwartet hätte, meine Antwort.

„Damit ich wieder Luft bekomme.“

Die beiden Augen der Person, die sich gegenüber in meinen Armen befand, öffneten sich und ich sah ihre wunderschönen, saphirblauen Augen, die mich anstrahlten und von denen ich noch vor einigen Augenblicken gedacht hatte, ich würde sie niemals wieder richtig lebendig sehen.

Meine Freude war riesig und die ganze Trauer, Niedergeschlagenheit und Wut und der gesamte Frust, die ich die ganze Zeit zuvor gespürt hatte, hatte sich sozusagen in Luft aufgelöst. So glücklich war ich, dass meine Gwenny wieder lebte.

„Gwenny!“

 

Ich konnte gar nicht anders: Ich musste sie einfach umarmen. Sie war da. Mit Leib und Seele. Nein, ich würde sie nicht mehr loslassen. Zumindest nicht so schnell.

Meine Scheiße, was hatte dieses Mädchen nur mit mir angestellt? Sie hatte mich zu jemandem gemacht, der sich ernsthafte Sorgen um seine Freundin machte und sie so sehr liebte, dass er für sie sogar töten oder gar sterben würde. Zum Beispiel wenn sie nicht mehr da wäre. Wie sollte ich ohne sie nur leben?

Doch das war jetzt nicht relevant. Jetzt zählte nur noch, dass sie lebte, ich sie liebte und alles wieder einigermaßen in Ordnung war.

Ich war so glücklich, dass ich es mir nicht hatte nehmen können, sie auf ihr Haar zu küssen und zwischendurch mal ein glückliches, verliebtes „meine Gwenny“ zu murmeln.

Man merkt: Ich war mal wieder im Ausnahmezustand.

Doch plötzlich machte sich mein kleiner Bruder wieder bemerkbar und mischte sich ein: „Gideon! Du tust ihr schon wieder weh!“

Upps. Ok, das war das Letzte, was ich wollte.

Schnell ließ ich meine Gwenny los und schaute sie mit meinem entschuldigenden Blick an, denn ich wollte ihr wirklich nicht wehtun…

Nachdem meine Freundin einige Atemzüge getan hatte, sah sie mich mit ihrem bezaubernden Lächeln an.

Mein Gott, wie ich das vermisst hatte!

Auch wusste ich, was es bedeutete. Sie wollte mir signalisieren, dass es ihr gut ging, ich mir keine Sorgen oder Vorwürfe zu machen brauchte und sie genauso glücklich war wie ich. Nach zwei Jahren Beziehung und Zusammenwohnen weiß man so etwas halt einfach.

Ich machte mir zwar immer noch Vorwürfe und Sorgen, doch ihr Lächeln war einfach so ansteckend und ich war noch dazu so glücklich, sodass ich nichts anderes konnte, als zurückzulächeln.

Ich war so glücklich… Ich hätte es in die Welt hinausschreien und die ganze Welt umarmen können.

Dieses lebendige Funkeln in ihren Augen. Das machte es schier unmöglich, sie nicht zu umarmen.

Leider war nicht ich es, der sie in die Arme schloss, sondern Leslie war es.
Davor hatte sie noch einen Aufschrei ausgestoßen und war auch erst mal hier her gestürzt.

Toll, ich durfte meine Gwen nicht umarmen und dabei fast erdrücken, aber sie schon? Was war das denn für eine Logik?

Gwen tat es scheinbar erneut wirklich weh. Mit einem schmerzverzerrten Blick sah sie mich an.
„Hey, lass meine Gwenny am Leben! Du bringst sie ja gleich noch um!“

Und das war die volle Wahrheit. Gwendolyns Gesicht war beinahe so weiß-grau wie zuvor, als sie tot da gelegen hatte. Das wollte ich nicht nochmal sehen!
„Hey, ich will meine Gwenny nicht gleich wieder verlieren!“
‚Denn wer weiß, ob sie es dann wieder zu mir zurück schafft‘, fügte ich in Gedanken hinzu.

Doch meines Bruders Freundin machte keinerlei Anstalten, meine Freundin loszulassen.
Die Stimme, die mein Herz aufgehen ließ, schaltete sich nun auch ein.
„Les, wirklich. Ich hab schon einen Tod am Tag hinter mir! Das reicht mir wirklich!“

Endlich löste sich nun auch Leslie wieder von meinem Schatz und Gwen konnte endlich wieder atmen.

Ich konnte mich Gwendolyn nur anschließen, aber mir würde ehrlich auch schon reichen, wenn sie gar nicht sterben würde. Nicht heute, nicht morgen und überhaupt nicht mehr in alle Ewigkeit.

„Du hast ja Recht, aber ich bin einfach zu froh, dich wieder zu haben! Ich dachte schon, du wärst wirklich…“
‚…für immer gegangen‘, beendete ich ihren Satz, den sie einfach in der Luft hatte hängen lassen.

Und schon kam die nächste Person, von welcher Gwen umarmt wurde. Was war denn heute los? Bekam man etwas umsonst, wenn man sie umarmte?

Ach halt, stimmt ja. Man bekam etwas: Liebe, Glückseligkeit und das wunderbare Gefühl, dass man sie doch nicht verloren hatte.

Bei Charlie bekam sie wenigstens noch Luft, weshalb ich nicht eingriff, auch wenn ich sie jetzt so gerne umarmt und geküsst hätte.

Als Raphael sich zu Wort meldete, ließ sie endlich von Gwen ab.

Auf meinen Bruder hatte ich jetzt ja mal gar nicht mehr geachtet, denn ich war ja damit beschäftigt, der wundervollsten Schönheit auf dieser Welt oder gar des gesamten Universums zuzusehen, wie sie so vor mir saß und von ihrer Cousine x-ten Grades umarmt worden war.

So erkannte ich auch erst jetzt seinen verwirrten Gesichtsausdruck. Klar, er hatte ja auch keine Ahnung, was hier gerade abging.
Vielleicht sollten wir ihn endlich mal einweihen…

 

Doch bevor wir ihm Antworten hätten geben können, klingelte es an der Haustür.

Mein Schatz wollte gerade lossprinten, als Charlotte sie unter dem Vorwand, dass es auch unsere Mörder sein könnten, zurückhielt.

Charlie hatte gar nicht mal so Unrecht. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was hätte passieren können, wenn meine Gwenny geöffnet hätte.

Also lief Gwens Cousine an die Tür, nachdem die Klingel erneut betätigt wurde. In der Zwischenzeit hatte sich auch Gwen zu Les, Raph und mir auf die Couch verpflanzt.

Doch kaum hatte sie sich hingesetzt, sprang sie, wie von der Tarantel gestochen, wieder auf und rannte aus dem Zimmer in die Abstellkammer.

‚Gut, wenn sie die Sauerei aufwischt, können wir ja das Frühstück vorbereiten‘, dachte ich mir und bei dem Gedanken an Essen knurrte mein Magen.

Raphael und Leslie schien es nicht anders zu ergehen und gemeinsam liefen wir in die Küche. Glücklicherweise hatte ich zuvor noch die größten Beweise, die auf meinen alkoholischen Zusammenbruch und Ausnahmezustand hingewiesen hätten, schnell noch weggeräumt, denn ansonsten hätte ich mir womöglich noch eine gewaltige Strafpredigt von Les und ihrem Freund anhören müssen, dass so viel Alkohol nicht gesund für mich wäre. Ich war mir ja selbst im Klaren darüber, dass das ein echter Mist gewesen war. Aber ändern konnte man das nun auch nicht mehr.

In der Küche angekommen, riss mein Bruderherz als allererstes den Kühlschrank auf und belud sich mit allen möglichen Lebensmitteln.

Gott sei Dank war ich gestern noch einkaufen gewesen.

Währenddessen beschäftigte sich Leslie mit Kaffee und Tee kochen und meine Wenigkeit suchte währenddessen nach Gläsern und anderen Getränken.

Nach kurzer Zeit stieß dann auch noch Charlotte zu uns, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Teller, Tassen und Besteck auf einem Tablett zu stapeln und dieses ins Wohnzimmer zu balancieren. Fragt mich nicht, wie sie es schaffte, dabei nichts herunterfallen zu lassen.

Als wir alle Dinge dabei hatten, die wir für das Frühstück benötigten, schlenderten wir gemütlich ins Wohnzimmer, wobei ich jedoch voraus ging. Gwenny stand wie angewurzelt im Türrahmen und starrte in den Raum hinein. Mir lief ein Schauer über den Rücken und langsam machte sich Angst in mir breit.

Schnell stand ich neben ihr und war – wie sie – wie gelähmt.

‚Kacke, wieso muss so etwas auch immer uns passieren?‘, fragte ich mich.

In den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass meine Freundin mich von der Seite her ansah, doch ich konnte meinen Blick einfach nicht von dem Inneren des Raumes abwenden.

Mein Onkel was-weiß-ich-wievielten-Grades stand neben seiner Ehefrau Grace, die auf dem Boden kniete, ja fast schon kauerte, und scheinbar – aufgrund des vielen Blutes – davon ausging, dass wir nicht mehr unter den Lebenden weilten.

Auf jeden Fall weinte sie dort in dieser Haltung und Falk machte sich scheinbar nicht einmal Gedanken darum, wie er seiner Frau helfen konnte.

Aber wäre ich in dieser wirklich verzwickten Lage gewesen, hätte ich daran auch nicht gedacht oder nur noch einen größeren Mist gebaut…

Auf jeden Fall starrte ich die beiden an und wusste nicht, was zu tun.

Doch mit meinen Gedanken war ich auch gar nicht wirklich anwesend, sondern bei der wunderbarsten und –schönsten Frau der ganzen Welt, die hier neben mir stand. Wie gerne hätte ich sie gerade in den Arm genommen und geküsst. Doch die Situation, sowie die Gläser und Flaschen in meinen Händen, ließen dies nicht zu.

Was hätte ich ohne sie nur gemacht? Wahrscheinlich läge ich nun immer noch da drinnen, immer noch weinend und mit den Nerven am Ende und wohl auch mit dem Entschluss, meinem Schatz zu folgen. Oder ich hätte mir bereits irgendwelche Hauptschlagadern aufgeschnitten oder mich vor ein Auto geworfen. Irgendeinen Weg hätte ich schon gefunden…

‚Nein, Gideon. Denk nicht dran, was hätte sein können! Sie ist wieder bei dir und das ist alles was zählt!‘, wies mich eine Stimme in meinen Gedanken zurecht.

Als ich mich wieder auf die beiden Personen in unserem Wohnzimmer konzentrierte, schweiften meine Gedanken zu meinen Eltern ab.

Gwendolyn hatte zwei wunderbare Familien, um die ich sie wirklich nur beneiden konnte. Lucy und Paul in der Vergangenheit sowie Grace und Falk in der Gegenwart.

Meine Mutter meinte ja, zu dem Backpfeifengesicht von Mr Bertelin ziehen zu müssen. Dadurch hatte ich meine Mum schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen. Unter anderem aber auch, weil Bertelin meinte, ich würde die Familienehre beschmutzen und die Familie nur blamieren, da er mich einfach nicht leiden konnte.

Dies beruhte jedoch auch auf Gegenseitigkeit. Immerhin hatte er mir meine Mum weggenommen, versucht sich über meinen Dad zu stellen und mich mit seinen Geschenken zu erkaufen. Aber so leicht ließ ich mich nicht um den kleinen Finger wickeln und erst recht nicht veräppeln. Das konnte er mit jedem anderen machen, aber nicht mit mir.

Gwen hatte ich Selina auch nur flüchtig vorgestellt. Meiner Freundin kannte das Ohrfeigengesicht nur vom Hören-Sagen, da ich ihr ihn wirklich erspart lassen haben wollte.

Was hätte aber wohl meine Mutter in dem Moment gemacht, in dem man ihr gesagt hätte, dass ihre vielleicht-mal Schwiegertochter, obwohl ich mir sicher bin, dass es sehr-wahrscheinlich-mal Schwiegertochter mal sein würde, gestorben war? Oder wenn man ihr berichtet hätte, ich wäre von der Welt geschieden? Oder wir beide?

Ich konnte es mir nicht ausmalen, denn bevor ich mir darüber weiter Gedanken gemacht haben konnte, erklang ein knurrendes Geräusch links von mir, also aus der Richtung, in der Gwenny stand.

Mein Magen war auch schon nahe dran zu rebellieren, erst recht, da Alkohol auf einen nüchternen Magen am Morgen keine wirklich gute Idee gewesen war. Aber was hätte ich denn machen sollen?

Durch den Alkohol hatte ich auf jeden Fall einen nur noch größeren Hunger.

Im nächsten Moment, nachdem Gwens Magen sich bemerkbar gemacht hatte, zerschellte zu meiner rechten Seite ein Teller, den Charlotte nicht mehr hatte auffangen können.

Aber das war auch nur eine Frage der Zeit gewesen.

Durch das Scheppern fiel mir nun auch auf, dass meine drei besten Freunde, obwohl eher mein Bruder, der gleichzeitig auch bester Freund war, und meine zwei besten Freundinnen, sich auch zu uns gesellt hatten, während ich meinen Gedanken nachgehangen hatte. Doch nicht nur ich wurde auf sie aufmerksam, sondern auch Falk und Grace. Doch die beiden hatten nicht nur die anderen drei auf meiner rechten Seite im Visier, sondern vor allem Gwendolyn und mich.

Verwirrung lag in ihren Blicken.

Falk stotterte vor sich hin, doch Grace schrie wie Leslie auf und rannte auf meine Freundin zu.

Heute konnte man mir eindeutig nicht weißmachen, Gwendolyn wäre unterumarmt.

Das wäre dann nämlich so sicherlich das Erstunkenste und Erlogenste auf der Welt, denn Gwen hatte ja beinahe schon eine Überdosis Umarmungen für einen Tag. Obwohl, ich denke, das gab es zwar nicht, aber war ja jetzt auch egal.

Gwendolyn versuchte, Grace wieder zu beruhigen, da sie scheinbar auch genug von diesen ganzen Umarmungen hatte.

Grace fing, nachdem sie ihre „Adoptionstochter“ noch nicht ganz losgelassen hatte, beinahe schon hysterisch an, sie zur Rede zu stellen.

Aber es war ja auch nur mehr als verständlich, da es für sie wohl mehr als verwirrend gewesen sein musste, dass der Wohnzimmerboden in Blut unterzugehen drohte, es keine Leichen gab und Gwen und ich hier putzmunter standen und sie uns in die Arme nehmen konnte.

Doch als sie ansprach, dass man ihnen gesagt hatte, wie wären tot, war ich derjenige, der verwirrt war.

Wer hatte sie über unsere Ermordung in Kenntnis gesetzt und aus welchem Grund?

Grace fing wieder an zu weinen und nahm auch mich einige Zeit später in den Arm.

Verdammt, ich hatte nicht gedacht, dass diese Frau so eine Kraft haben könnte.

Nun konnte ich mir gut vorstellen, wie es Gwen vorhin ergangen sein musst. Langsam bekam ich keine Luft mehr und schummrig wurde es mir auch schon.

Es wäre nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis ich zusammengebrochen wäre, doch meine Prinzessin und persönliche Retterin rettete mich, indem sie eingriff und antwortete, dass wir vielleicht erst mal frühstücken sollten und danach alles klären würden. Wie auf Kommando ließ ihr Bauch ein gewaltiges Grummeln vernehmen, was mich zum Schmunzeln brachte.

Grace stimmte – wenn auch noch etwas verstört – zu und ich sah meine Gelegenheit.

Wir steckten immer noch in den blutverschmierten Sachen und ich fand es nicht sehr angebracht, damit zu frühstücken.

Ich entschuldigte uns und verschwand mit meiner Gwenny im Schlepptau in unserem Schlafzimmer.

Dort schlüpfte sie aus ihren Sachen und stellte sich vor den Kleiderschrank. Ich war in der Zwischenzeit schon fertig geworden und sah sie mir an. So ganz konnte ich es immer noch nicht fassen, dass die wirklich hier war. Hier bei mir.

Nachdem sie sich für eines meiner T-Shirts und einer ihrer Jogginghosen entschieden hatte, drehte sie sich zu mir um.

‚Sie ist bei dir, Mann!‘, gab mir eine Stimme zu verstehen, da ich es wirklich immer noch nicht verstanden hatte.

Ich konnte es nicht glauben.

Schnell war ich bei ihr und blieb abrupt stehen, bevor ich sie zu mir zog.

Noch immer hatte ich Angst, das könnte nicht die Realität sein. Angst, dass ich immer noch auf dem Boden läge und nur einen viel zu schönen Traum hatte. Angst davor, dass sie nicht da war, sondern für immer gegangen war.

Wie sie nun so vor mir stand, konnte ich der Versuchung nicht mehr widerstehen, sie zu küssen. Draußen war ja keine Zeit oder Möglichkeit dafür gewesen.

Erst, als ich sie küsste und alles in mir unter ihren Berührungen kribbelte, mir warm wurde und ich ihren Geruch einatmen konnte, wusste ich, dass es stimmte; Sie war wieder bei mir.

Ich löste mich wieder von ihr und sah in ihre Augen, die so lebendig und wunderschön waren, dass ich nur schwer die Tränen unterdrückt bekam. Nein, ich durfte nicht weinen, auch wenn es Freudentränen waren. Was würde sie nur von mir denken? Vielleicht, dass ich ein Freund war, der sich um sie sorgte und Angst hatte, sie zu verlieren? War ja eigentlich auch die Wahrheit, doch ich wollte einfach nicht diesen wunderschönen Moment zerstören, indem ich anfing zu heulen. Also hieß es weiter stark sein.

Das mit dem Geheule konnte ich später immer noch nachholen.

„Ich hab dich so vermisst“

Damit versuchte ich das auszudrücken, was gerade in mir vorging. Doch meiner Meinung war das die Untertreibung des Jahrhunderts. Oder doch eher seit es die Welt, die Zeit und dann auch noch das Zeitreisen gab?

Um meinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen, zog ich sie in eine Umarmung, jedoch wohl darauf bedacht, sie nicht zu fest zu drücken. Immerhin wollte ich sie nicht verletzen. Nicht schon wieder.

Und dann sprach ich das aus, was ich die ganze Zeit nicht hatte aussprechen können und auch noch nicht mal angedeutet hatte, seit sie wieder lebte:

„Ich hatte so Angst, dich zu verlieren. Dich für immer zu verlieren…“

Aussprechen konnte man dies jedoch nicht mehr nennen, denn es war eher einem Hauchen ähnlich.

„Ich liebe dich“ Gwenny schmiegte sich noch extra an meine Brust, als sie sprach.

„Und ich liebe dich. Und zwar für immer und ewig.“

Oh ja, das würde ich. Denn für mich kam in meinem ewigen Leben nur eine Frau an meiner Seite in Frage. Und diese lag gerade in meinen Armen und war meine Gwenny.

Wieder bekam ich einen dieser berauschenden Küsse, die ich so sehr liebte und von denen ich niemals genug bekommen würde.

Leider war er wieder viel zu schnell vorbei, wie ich fand, denn aus der Küche war ein lautes Geräusch zu vernehmen, welchen schließen ließ, dass irgendetwas herunter- beziehungsweise zusammengebrochen war.

Im nächsten Moment war auch schon Gwens und nun wohl auch mein Dämon zur Stelle und berichtete, dass draußen wohl gerade mal wieder das Chaos auszubrechen drohte.

‚Na super‘, dachte ich mir. Konnte man die nicht mal ein paar Minuten alleine lassen, ohne dass sie gleich in Sorgen untergingen?

Aber auf irgendeine Weise war es aber doch auch schön zu wissen, dass die besten Freunde sich um einen sorgten.

Xemerius war wieder verschwunden, woraufhin Gwendolyn seufzte und mich fragte, ob ich bereit wäre. Als ob sie die Antwort nicht schon gewusst hätte. Als Antwort gab ich ihr: „Bereit, wenn du es bist“ und nahm sie an der Hand. Meine Hand kribbelte unter der Berührung, sodass ich mir ein verliebtes Seufzen nur schwer unterdrücken konnte. Sie war bei mir.

Mit diesem Gedanken gingen wir gemeinsam zu den anderen ins Esszimmer.

Als Gwenny das ganze Essen sah, brummte ihr Magen so laut, dass ich mir ein Kichern echt nur schwer verkneifen konnte. Stattdessen grinste ich nur dämlich vor mich hin. Sie war einfach zu süß.

Als Grace ihr dann auch noch zu verstehen gab, sich zu setzen und reinzuhauen, war sie nicht mehr zu halten. Sie stürmte regelrecht auf einen Stuhl zu und ließ sich draufplumpsen.

Mein Grinsen war zu einem Schmunzeln geworden und damit im Gesicht ging ich – um einiges langsamer als Gwen – auf den freien Stuhl neben meiner Gwenny zu.

Diese machte sich gerade an einem Brötchen zu schaffen. Die restlichen Fünf am Tisch waren auch schon alle am Essen, als ich endlich auf meinem Platz ankam.

Als ich dann auch endlich neben meinem Schatz saß, suchte diese gerade irgendetwas. Vermutlich ihre Lieblingsmarmelade, denn ihr Brötchen hatte sie bisher nur mit einer großen Ladung Butter beladen.

Ich fand die Marmelade sofort, da sie genau vor mir stand und reichte sie ihr.

Obwohl, eigentlich hielt ich sie ihr unter die Nase. Hätte sie in dem Moment ihren Kopf nach unten rauschen lassen, hätte sie nun eine Clownsnase gehabt. Was für ein lustiges Bild das doch gewesen wäre.

Ich gab sie ihr mit den Worten: „Suchst du die hier?“, woraufhin sie begeistert nickte und den Brotaufstrich ergriff. Sie lud sich eine ganze Schiffsladung von dem Zeug auf ihr Brot, sodass ich Angst haben musste, dass es gleich unter dem Gewicht zusammenbrechen würde.

Genüsslich biss sie hinein und auch ich wendete mich meinem Frühstück zu, welches ebenfalls aus einem Brötchen bestand, jedoch ohne Marmelade oben drauf sondern mit Honig.

„Honig am Morgen vertreibt Hunger und Sorgen“, hatte mein Dad mir früher immer gesagt.

Heute fand ich jedoch, dass es eher lauten sollte: „Gwenny am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“

Aber für den Spruch mit „Hunger“ bietet sich eher Honig an… Aber auch nur ein bisschen…








Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

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