Forever And Ever - I Am Lost Without You


2. Essen geht immer


Ich sah Gideon noch immer mit einem verliebten Blick an und auch er sah so aus, als könnte er seine Augen nicht von mir nehmen. Ich nahm nur halb am Rande wahr, wie meine Mum, also Lucy, meinen Dad mit den Worten „Paul, reiß dich gefälligst zusammen!“ ermahnte. Es war zwar nicht mehr als ein leises Flüstern gewesen, und doch ließ es mich meinen Blick von Gideon abwenden. Ich hatte also doch Recht damit gehabt, dass es mein Dad gewesen war, der da gehustet hatte, als habe er ein Hustenbonbon verschluckt.

 

Ich sah meine Eltern an. Meine Mum warf meinem Dad einen tadelnden Blick zu, während Dad Gideon von oben bis unten musterte. Laut räusperte ich mich, wovon nun scheinbar auch mein Freund neben mir aus seinen Gedanken gerissen wurde. Ich merkte, wie mir das Blut in Rekord Geschwindigkeit ins Gesicht schoss, woraus ich schloss, dass ich wohl so rot wie eine Tomate, also so wie Mr. Marley, war.

Gid, Les, Raph und ich hatten dem Streber diesen weiteren Spitznamen gegeben, da wir dachten, er würde perfekt zu ihm passen. Aus meinen Augenwinkeln bemerkte ich, dass es Gideon wohl auch nicht anders ging als mir. Kaum hatte ich mich geräuspert, erwachte allen Anscheins nach auch meine Mutter aus ihrer Starre und kaum hatte ich mich versehen, sprintete meine sie auch schon auf mich zu und fiel mir kurze Zeit später schon um den Hals. Mein Dad kam auch langsam auf mich und Mum zu und als er schließlich ganz nah bei uns stand, schloss auch er mich in die Arme. Im Endeffekt standen dann also meine Mum, mein Dad und ich da und knuddelten, sodass ich beinahe keine Luft mehr zu bekommen drohte, doch es tat auch so gut, sie beide in meine Arme nehmen zu können.

Ich sah zu Gideon hinüber und merkte, dass er uns mit gemischten Gefühlen dabei zusah, wie wir uns beinahe totknuddelten. Zum einen sah er glücklich aus, doch gleichzeitig sah er auch totunglücklich aus.

Ich konnte mir vorstellen, dass er gerade an seine eigene Familie dachte. Sein Dad war ja schon vor längerer Zeit gestorben und seine Mum hatte ihn alleine gelassen und saß nun mit dem - wie Gid immer zu sagen pflegte - Ohrfeigengesicht in Frankreich herum. Und ich konnte mir vorstellen, dass seine Mum ihn nicht wirklich oft besuchen kam und er sie daher wohl auch nicht so oft umarmen konnte…

Ich wollte ihn nicht so traurig sehen, denn es brach mir beinahe das Herz, und so löste ich mich auch schnell wieder aus der Umarmung mit meinen Eltern.

„Was wolltet ihr uns eigentlich das letzte Mal so dringend sagen?“, wandte ich mich an meine Eltern. Diese sahen sich an und ich schätzte, dass sie sich durch ihre Blicke verständigten, denn plötzlich nickte Lucy und sagte zu uns: „Am besten, wir gehen mal zuerst hoch und setzen uns hin.“

‚Hoffentlich gibt es dort etwas zu essen‘, dachte ich mir insgeheim, denn ich hatte heute noch nicht wirklich viel gegessen. Wenn man mal von dem Kaffee und dem halben Nutella Toast absah.

Meine Eltern lotsten Gideon und mich also nach oben in einen großen Raum, in welchem ein riesiger Tisch stand. Und auf diesem besagten Tisch befand sich – sehr zur Freude von mir und meinem Magen – ein großer Haufen der aus Muffins, anderen Törtchen und Sandwiches bestand.

Paul gab uns zu verstehen, dass wir uns gerne setzen und uns auch gerne von dem Essen nehmen konnten. „So viel ihr möchtet“, hatte er gesagt, was ich mir nicht zweimal sagen ließ. Ich ließ mich augenblicklich auf einen Stuhl fallen, der gegenüber den Plätzen meiner Eltern stand, und nahm mir auch gleich einen Muffin, denn ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich nichts gegessen hätte, sich sehr schnell mein Magen bemerkbar gemacht hätte. Gideon setzte sich direkt neben mich, was mich dazu veranlasste, meinen Kopf zu ihm zu drehen und ihm eines meiner breitesten Grinsen zu schenken.

Augenblicklich fing er an zu schmunzeln und Mum fing an zu kichern. Ich sah beide verdutzt an, bis mir auffiel, dass ich gerade, bevor ich angefangen hatte zu grinsen, in meinen Muffin gebissen hatte und nun der halbe Teil meines Muffins noch in meinem Mund beziehungsweise an meinen Zähnen hing. Gott, war das peinlich. Sofort wurde ich wieder so rot wie eine reife Tomate.

„‘Tschuldigung, hatte heute noch nichts Richtiges zu essen…“, versuchte ich meine Lage zu erklären, nachdem ich heruntergeschluckt hatte, denn selbst jemand wie ich lernt irgendwann mal dazu.

„Kein Problem“, versicherte mir mein Dad und nun meldete sich Gideon zu Wort und ich war ihm unendlich dankbar, dass er dadurch ein neues Thema anstrebte und diese peinliche Situation schnell wieder vergangen war.

„Was gibt es denn nun so Wichtiges?“, wollte er wissen und sprach mir dadurch vollkommen aus der Seele. Ich konnte nur zustimmend nicken, denn bereits der dritte Muffin hatte seinen Weg in meinen Mund gefunden und wie gesagt, auch ich lerne dazu, weshalb ich peinlich darauf bedacht war, nicht den gleichen Fehler zu wiederholen.

„Also …“, fing mein Dad an. Man sah ihm an, dass er verzweifelt nach den richtigen Worten suchte.
„Wie soll ich das bloß erklären...?“, fing er erneut an.
„Deine Mutter und ich, also wir, wir sind…“

„Ja?“ Mussten wir ihnen denn wirklich alles aus der Nase ziehen?
Ich war wirklich froh, dass ich gerade kein Essen mehr im Mund hatte. Er hatte nun schon zum dritten Mal angefangen, den Satz zu beginnen. Das war ich von ihm so gar nicht gewohnt.

„Wir sind schwanger“, erklärte meine Mum, nachdem mein Dad scheinbar nicht wusste, wie er es hätte erklären sollen. Nun war ich endgültig froh, dass ich meinen Muffin noch in der Hand hielt und ihn noch nicht in meinem Mund geschoben hatte, da mir augenblicklich meine Kinnlatte heruntergefallen war und, hätte ich Essen im Mund gehabt, es mir dadurch sicherlich wieder herausgefallen wäre.

Ich starrte meine Eltern an. Was anderes konnte ich gar nicht machen. Hatten sie gerade wirklich gesagt, dass sie schwanger waren?

„Ihr seid was?“, fragte ich ungläubig, denn ich war mir nicht sicher, ob ich gerade richtig gehört hatte.

„Wir sind schwanger, Liebling. Aber bitte, sei uns jetzt bitte nicht böse.“ Meine Mum war nun wirklich den Tränen ziemlich nahe, das konnte ich genau sehen.

Fassungslos sah ich sie an.

 

 

 

 

„Wieso sollte ich denn böse auf euch sein?“ Ich verstand nun wirklich nur noch Bahnhof.
„Ich freue mich echt riesig für euch. Wieso sollte ich denn böse sein?“

„Ach Gwen, wir…“, fing sie an, wurde jedoch sofort von einem Räuspern aus der Richtung meines Vaters unterbrochen.

„Ok, ich dachte“, fing sie erneut an, „also, ich dachte, du würdest böse auf uns sein, da wir dich damals alleine zurück gelassen hatten und nun ein Kind bekommen werden, welches uns immer haben wird…“ Ihre Stimme war immer brüchiger geworden und schlussendlich ganz abgebrochen.

„Ach Mum“, begann ich sie zu beruhigen, „ich könnte euch doch gar nicht böse sein. Ich gönne meinem Geschwisterchen, dass es in eurer Obhut aufwächst. Und außerdem hatte ich ja Grace als meine „Ersatzmutter“.“

Ich machte eine kleine Pause, bevor ich weiter sprach.

„Ok, klar, vielleicht hätte ich euch wirklich gerne bei mir gehabt, doch es ging nun mal nicht anders. Ihr musstet fliehen. Hey, ich versteh das voll und ganz!“ Letzteres war an meine Mutter gerichtet, denn während ich gesprochen hatte, hatte sie angefangen zu schluchzen und ihr liefen nun auch Tränen die Wangen hinunter.

„Ist doch alles gut, Prinzessin. Hey, es gibt doch gar keinen Grund zum Weinen. Siehst du, es ist doch gar nicht so schlimm gewesen, wie du anfangs gedacht hattest“, versuchte Dad Lucy zu beruhigen, was ihm sogar gelang.

Er streckte ihr ein Taschentuch hin, welches sie mit einem dankenden Kopfnicken annahm, bevor sie ordentlich schnäuzte und sich die Tränen abwischte. Anschließend gab sie Paul es wieder. Nun sah sie mich mit einem Lächeln auf den Lippen wieder an.

‚Das waren bestimmt die Schwangerschaftshormone‘, dachte ich mir. Da fiel mir ein, ich wollte ihnen ja noch das von mir und Gideon erzählen…

„Mum? Dad? Ich möchte noch schnell was loswerden, bevor wir gleich wieder zurück müssen. Und Dad, versprich mir, dass du nicht gleich wieder an die Decke gehst.“

Flehend sah ich ihn an und trotz meiner Bitte sah ich, dass er sich anspannte, um jeden Augenblick irgendjemanden umzubringen oder an die Decke zu gehen. Gideon hatte meine Hand genommen, drückte sie nun leicht und gab mir damit zu verstehen gab, dass er da wäre, was auch immer passieren würde. Ich atmete einmal tief ein und begann wieder zu sprechen: „Ich werde bei Gideon einziehen.“

Paul war anzusehen, dass eine große Anspannung von vorhin von ihm abfiel. In mir machte sich schon so ein Gefühl breit, dass er wohl zuvor an das Falsche gedacht hatte.

„Und ich dachte schon…“, murmelte er vor sich hin, womit sich mein Verdacht bestätigte. Er hatte allen Ernstes gedacht, Gid und ich würden auch ein Kind erwarten…

Doch dazu wäre ich auch noch gar nicht bereit gewesen…

Nun mischte sich auch Gideon in unser Gespräch ein, der sich die ganze Zeit herausgehalten hatte und nach wie vor meine Hand hielt.
„Also Gwen würde natürlich nur bei mir einziehen, wenn ihr nichts dagegen habt. Immerhin seid ihr ihre Eltern und müsst damit einverstanden sein.“ Gideon und ich sahen voller Spannung meine Eltern an, die erneut einen Blick wechselten. Es kam mir vor, als hätten sie durch die Blicke telepathische Kräfte. Meine Mum ergriff als Erste wieder das Wort und sagte: „Natürlich sind wir damit einverstanden!“

Zweifelnd sah ich meinen Vater an, ob er der gleichen Meinung war wie Lucy. Er nickte mir nur zustimmend zu, setzte aber zu Gideon gewandt hinzu: „Wehe, du tust meiner Tochter etwas an! Dann bringe ich dich höchstpersönlich um oder foltere dich, bis du dich selbst umbringst, da du ja unsterblich bist!“

Gid überlegte nicht lange, sondern antwortete mit einem verliebten Lächeln, welches mir galt: „Das könnte ich niemals im Leben. Eher bringe ich mich selbst um, als dass ich meiner Gwenny irgendetwas antuen würde oder könnte.“

Bei den Worten „meine Gwenny“ waren Paul und ich beinahe unmerklich gleichzeitig zusammen gezuckt. Doch jeder wohl aus einem anderen Grund.

Ich, weil ich es süß fand, dass ich „seine Gwenny“ war, also Gideons. Und ich denke mein Dad, weil ich in seinen Augen immer noch sein Mädchen war und er es scheinbar nicht so recht wahr haben wollte, dass ich nun mit Gideon zusammen war und nun auch „Gideons Mädchen“ war. Mein Dad würde sich wohl nie ändern…

Meine Mum war da ganz anders, denn sie sagte: „Ich freue mich so für euch. Und Gideon: Pass gut auf sie auf. Ich habe keine Lust, dass du demnächst vorbei kommst, um uns zu sagen, dass Gwen sich umgebracht hat. Aus welchem Grund auch immer.“

Und mir flüsterte sie so leise, dass es „unsere Männer“ nicht hören oder gar verstehen konnten, zu: „Und du pass gut auf ihn auf! Er ist wohl das Beste, was dir je passieren könnte. Verlier ihn nicht!“

Einen Blick warf sie auf die Uhr und fing augenblicklich an zu fluchen. Augenblicklich fiel es mir auch auf: Wir mussten schnellst möglich zurück, da wir bald zurückspringen würden.

Meine Mum scheuchte uns runter und aus der Tür raus, jedoch nicht ohne mir noch einen Abschiedskuss zu geben und mir ein leises „Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe: Verlier ihn nicht!“ in mein Ohr zu flüstern, sowie laut „Bis bald“ zu sagen. Daraufhin fiel auch schon die Tür zu und wir rannten, da wir keine Zeit mehr hatten, uns eine Kutsche zu rufen und nach Temple zu fahren, in die nahe gelegene Kirche, wo ich damals Xemerius kennengelernt hatte. Zu allem Übel hatte es unterwegs auch noch angefangen zu nieseln.

 

Kaum waren wir durch die große Eingangstür hineingegangen, fing es draußen auch schon an, wie aus Eimern zu schütten. Gideon zog mich weiter in den altbekannten Beichtstuhl, doch dieses Mal setzten wir uns - anders als beim letzten Mal - auf eine Seite, wodurch uns keine Trennwand trennte. Gideon setzte sich als Erster auf den Hocker und zog mich anschließend auf seinen Schoß. Und zwar so herum, dass ich ihm direkt in die Augen sehen konnte. Oh Mann! Er hatte so wunderschöne Augen…

Im gleichen Augenblick setzte er seine Lippen auf meine und ich erwiderte den Kuss ebenfalls sanft. Doch bei dieser Sanftheit sollte es nicht bleiben.

Gideons Hände wanderten in meine Haare und krallten sich dort fest. Ich zog ihn nur noch näher an mich heran, wenn das denn überhaupt noch möglich war. Der Kuss wurde immer leidenschaftlicher und ich legte meine ganze Liebe hinein.

Gideon küsste mich (beinahe) um den Verstand, weshalb ich zwischenzeitlich auch vergaß zu atmen. Ihm ging es scheinbar nicht viel anders als mir.

Da wir beide ganz schön aus der Puste waren, ging auch das Atmen viel schwerer als sonst. Für mich kamen wir vor, als wären wir gerade einen Marathon gelaufen.

„Wie machst du das nur immer?“, wollte ich wissen. Fragend sah er mich an.
„Was meinst du?“
„Na, immer wenn du mich küsst, dann vergesse ich alles um mich herum…“

Und wieder trat die Röte in mein Gesicht, doch ich stellte glücklicherweise fest, dass auch Gideons Gesicht etwas rote Farbe bekam.

„Oh, ähm,… so etwas in der Art wollte ich dich auch schon seit etwas längerem fragen. Mir geht’s da nämlich auch nicht anders als dir. Aber wie ich, du oder, ähm, wie wir das machen, ist auch mir ein Rätsel“, stotterte er vor sich hin. Und ich dachte schon, dass er vorhin in der Kutsche bereits das Maximale seiner möglichen Röte erreicht hatte. Aber da lag ich wohl meilenweit daneben. Er war ja SO süß, wenn er sich schämte, rot wurde und anfing vor sich hinzustammeln. Zumindest fand ich das so, weshalb er auch gleich noch einen Kuss von mir bekam.

Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie das Schwindelgefühl gekommen war, wie so oft, wenn ich mich ganz dem Kuss mit Gid hingab. Denn es wurde mir erst bewusst, dass wir wohl bereits gesprungen sein mussten, als wir - wie so oft - gestört wurden…







Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

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