Forever And Ever - I Am Lost Without You


16. Die letzte Rettung


Xemerius nahm meine Hand und zog mich mit sich durch die Tür ins Innere der Wohnung, wo die Geräusche noch lauter waren als draußen. Wir folgten ihnen und fanden dann auch schon bald Gideon, der im Wohnzimmer saß und alle möglichen Dinge gegen die Wand schmiss.

Von altem Porzellan, über Bilder bis hin zu einer Lampe war alles dabei. Hauptsache war anscheinend, dass es gut kaputt ging und dabei viel Lärm verursachte.

Mir stockte der Atem, als ich die ganzen Scherben sah, die sich auf dem gesamten Boden verteilt hatten, und ich darunter auch einige Bilder fand, die Falk und andere Leute zeigten. Die Bilder, auf denen ich zu sehen war, standen alle sauber aufgereiht auf dem Tisch in der Mitte des Raumes.

Gideon hatte gerade bereits den nächsten Teller in der Hand, bereit, ihn ebenfalls wie seine Vorgänger an die Wand zu schleudern, als Xemerius sich materialisierte und auch ich mich sichtbar machte. Mit einem Räuspern von Xemerius‘ Seite wirbelte er zu uns herum und blieb wie erstarrt in der Bewegung stehen.

Als er mich sah, hellte sich seine Miene schlagartig auf. Es tat mir so leid, ihn so hoffnungsvoll zu sehen, da er scheinbar noch nicht erkannt hatte, dass ich nicht ich selbst war. Oder irgendwie so etwas in der Richtung.

„Gwenny!“, rief er begeistert und wieder einmal kam der Gideon zum Vorschein, der mich stark an ein Kindergarten- beziehungsweise Grundschulkind erinnerte.
„Wo kommt ihr beiden jetzt her? Ich hab gar keinen Schlüssel im Schloss herumdrehen gehört.“, fragte er uns und kam einige Schritte auf uns zu. Wie gerne wäre ich ihm um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst, denn immerhin hatte ich ihn in der schlimmsten Zeit meines bisherigen Lebens, in welcher ich gefoltert wurde, so furchtbar vermisst, doch es ging ja nicht. Ich wäre einmal durch ihn durchgeflogen, hätte ich es gewagt, es zu versuchen.

Bei diesem Gedanken musste ich schluchzen. Gideon machte Anstalten, noch näher auf mich zuzukommen und mich zu umarmen, doch ich machte diesem einen Strich durch die Rechnung, indem ich mich immer weiter von ihm entfernte. Immer einen Schritt weiter nach hinten.

Verwirrt und aufgelöst blieb mein Freund stehen und musterte mich. Ich merkte, dass ich, wenn ich noch ein oder zwei Schritte weiter nach hinten gegangen wäre, direkt durch die Wand in ein anderes Zimmer geschlüpft wäre. Also blieb auch ich stehen.

Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wollte mich in seine starken, aber auch weichen und Geborgenheit gebenden Arme werfen und alles Geschehene vergessen. Doch ich konnte nicht. Wie denn auch? Ich wäre einfach durch ihn hindurchgeflogen.

„Gwenny…“, flüsterte Gideon. Obwohl es „hauchte“ doch schon eher traf. „Was ist los? Was ist passiert?“, fragte er besorgt nach. Jetzt war es endgültig um mich geschehen und ich fing haltlos an zu weinen, denn alles stürzte über mich zusammen.

Xemerius hatte bereits davor gemerkt, dass ich meinem Freund die Situation nicht erklären konnte und somit fing er nun an zu berichten, was vorgefallen war.

Wir hatten uns aber vorgenommen, dass wir Gideon nichts davon sagen würden, wer mir das angetan hatte, denn denjenigen wollte ich mir schon selbst vorknüpfen. Wie genau wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber ich wusste, dass ich es machen würde.

Gideon wurde mit jedem Wort bleicher im Gesicht und als Xemerius erzählte, wie mir das Herz herausgeschnitten wurde und ich starb, sank auch er in sich zusammen.

„Gideon, es tut mir so leid…“, schluchzte ich und sank auf die Knie. Ich wollte ihm das alles nicht antun. Ich wollte ihm das alles erspart lassen. Die Zeit zurückdrehen. Alles von dem hier ungeschehen machen. Die letzten Tage einfach aus unserem Leben streichen. Doch ich wusste, dass dies nicht möglich war. Und dieser Gedanke war es, der mich so verzweifelt machte.

Immer mehr Tränen bahnten sich ihren Weg meine Wangen hinunter, um an meinem Kinn abzuperlen und auf dem Weg zum Boden sich einfach auflösten. So, als habe es sie nie gegeben.

Verblüfft sah mein Gegenüber mich an. „Du kannst doch nichts dafür. Ich hätte besser auf dich aufpassen müssen…“

Oh nein, jetzt gab er sich schon wieder die Schuld!

„Gideon, du kannst überhaupt nichts dafür! Dann trifft uns beide eben keine Schuld, aber du hast doch wirklich dein Bestes getan!“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Und mal wieder half es.

„Das heißt jetzt also, du wirst als Geist weiterleben? Hab ich das jetzt richtig verstanden?“, fragte er nach einer Weile, in welcher jeder seinen eigenen Gedanken nachgehangen war, nach.

Zögerlich nickte ich. Ich wusste nicht, wieso ich noch hier war und wie lange noch. Ob für immer oder nur eine gewisse Dauer.

„Aber wie soll ich denn ohne dich weiterleben? Du bist doch alles, was ich habe? Ich wollte doch mit dir alt werden und die Ewigkeit teilen. Wir wollten doch zusammen Kinder bekommen…“ Und wieder ging er in Tränen unter.

„Gideon, versprich mir eins: Lebe dein Leben. Ich will nicht, dass du dein Leben aufgibst. Und wenn es sein muss, dann versuche mich zu vergessen“, bat ich ihn. Ich wusste nicht wieso, aber ich wollte nicht, dass er sich selbst umbrachte. Denn das wäre eingetreten, da war ich mir sicher. Und ich wusste auch, dass das ein hartes Versprechen war.

„Ich könnte dich niemals vergessen! Du bist das wichtigste in meinem Leben! Und außerdem ist dein Geist doch noch hier! Und du bist doch die einzige Frau in meinem Leben, die ich so sehr lieben werde. Es wird niemanden geben, der dir das Wasser reichen kann.“

Das Versprechen hatte er mir zwar noch nicht gegeben, aber trotzdem war ich gerade zu gerührt über seine Worte. Aber trotzdem sprach ich ihn nochmals darauf an.

„Versprichst du mir, dass du weiterleben wirst?“, fragte ich und merkte bereits, dass meine Stimme anfing zu zittern. Lange würde ich wohl nicht mehr meine Beherrschung behalten können und wieder anfangen mit Weinen und dann wusste ich nicht, ob ich jemals wieder aufhören könnte.

Er nickte nur und ich vernahm ein leises: „Versprochen…“
Mir fiel ein – wenn auch nur kleiner – Stein vom Herzen.

Nun mischte sich auch unser dämonisches „Haustier“ ein: „Und du musst auf jeden Fall weg von hier. Denn hier bist du nicht mehr sicher. Da hat der Wolf ganz Recht.“

Mit Wolf meinte er mal wieder Falk, der aufgrund seiner bernsteinfarbenen Augen wirklich einem Wolf ähnelte.

„Wirst du mitkommen, Gwenny?“, fragte mich Gideon stockend. Ich hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde und somit wusste ich auch schon die Antwort: „Ich würde sehr gerne, aber ich kann irgendwie nicht.“

Meine wirklichen Beweggründe waren mir nicht wirklich bekannt, aber ich war mir sicher, dass es so richtig war. Das war so ein Bauchgefühl, das mir sagte, ich solle bleiben.

Wieder traten Tränen in Gideons Augen, doch er nickte nur. Ich hätte ihn wirklich so gerne in die Arme genommen.

Auf einmal, ich wusste nicht, was in mich gefahren war, lief ich auf Gideon zu und umarmte ihn. Ich war mir nicht sicher, ob er mich fühlen konnte, aber ich spürte ihn nah bei mir. Ich hatte gedacht, ich würde durch ihn hindurchfallen, aber dem war nicht so.

Und dabei hatte ich mir nur von ganzem Herzen (was bei mir zwar abhandengekommen war, aber es war so) gewünscht, ihn in den Arm nehmen zu können. Da ging mir ein Lichtlein auf. Ich wollte, dass ich ihn umarmen konnte. Ich wollte ihm nah sein. Wie das nun genau zu Stande gekommen war, wusste ich zwar nicht, aber das war mir jetzt auch mehr als egal.

Perplex stand Gid da, bis er die Umarmung erwiderte und dabei seufzte. Es hörte sich so glücklich, aber auch sehnsüchtig an.

Da fiel mir wieder ein, aus welchem Grund wir außerdem noch hier waren. Langsam befreite ich mich aus der Umarmung und sah ihm in die Augen.

„Wir müssen meine Leiche holen!“, erklärte ich ihm kurz und knapp, woraufhin er schwer schlucken musste. Mir behagte der Gedanke zwar auch nicht, aber wir mussten es tun. Xemerius neben mir nickte zustimmend und scheuchte uns regelrecht auf die Straße. Davor hatte natürlich mein Schatz noch seine Jacke und seine Schuhe anziehen und den Schlüssel mit seinem Handy holen müssen, was wieder einmal kostbare Zeit gekostet hatte.

 

Dieses Mal fuhren wir nicht mit der U-Bahn, sondern mit Gideons Mercedes, mit dem er seinen alten MINI ersetzt hatte. Damals war er so stolz gewesen, als wir – Leslie, Charlie, Raphael, Falk, Grace und ich – ihm diesen geschenkt hatten.
Auch diese Erinnerung schmerzte.

Anschnallen brauchte ich mich ja nun nicht mehr, denn zum einen würde es wohl für andere merkwürdig aussehen, wenn auf dem Beifahrersitz niemand sitzen würde, aber der Anschnallgurt benutz wurde und dann würde es ja auch gar nichts bringen, weil der Gurt einfach durch mich durch gehen würde. Und zum anderen fuhr Gideon ausnahmsweise mal nicht so schnell wie sonst, wenn er total durch den Wind war. Und doch kamen wir für Londons Verhältnisse recht schnell in Temple an, da wir bei den Ampeln gerade eine „Grüne Welle“ erwischt hatten und somit so gut wie nirgends hatten warten müssen, bis die Ampel wieder auf grün geschaltet hatte.

 

Schnell stiegen wir aus dem Wagen aus, wobei eigentlich nur Gideon „ausstieg“, denn Xemi und ich konnten einfach durch die Tür durchsteigen, hasteten daraufhin durch Temple und waren irgendwann dann vor dem Raum wieder angekommen, wo meine Folter stattgefunden hatte.

„Hier unten war ich ja noch nie gewesen…“, flüsterte Gideon. Das konnte ich mir zwar irgendwie nicht so ganz vorstellen, immerhin kannte er sich hier sogar besser aus als in seiner Hosentasche, aber auch ich hatte das hier unten ja nicht gekannt.

Es passierten halt doch noch Wunder…

 








Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

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