Forever And Ever - I Am Lost Without You


15. Licht in der Dunkelheit


Er baumelte am Kronleuchter, der an der Decke hing, und hatte mich scheinbar noch nicht bemerkt. Also musste ich ihn wohl oder übel auf mich aufmerksam machen.

Nur wie macht man so etwas, wenn man eigentlich für tot gehalten wird? Mir fiel nichts Besseres ein, als mich zu räuspern. Also versuchte ich es auf genau diese Weise und das, was ich eigentlich hatte vermeiden wollen, trat ein.

Mein kleiner dämonischer Freund fiel mit einem erschrockenen Aufschrei von seiner Schaukelmöglichkeit herunter und plumpste auf den Boden. Verwirrt sah er mich an, bis ihn scheinbar die Erkenntnis traf.

„Gwendolyn! Wo bist du denn hergekommen? Ich dachte schon, du würdest gar nicht wieder auftauchen!“, rief er freudig, nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte und flog auf mich zu.

Ich war in der Zwischenzeit aufgrund seiner Worte in Tränen ausgebrochen, denn wie gerne wäre ich wirklich auch leiblich zurückgekommen. Aber deswegen war ich ja jetzt auch hier.

„Xemerius, ich…“ Doch weiter kam ich gar nicht, denn Xemi kam angesaust und es hatte den Anschein, als wollte er mich ganz fest umarmen. Doch eigentlich hätte dies nicht geklappt, da er im Normalfall durch mich durchgeflogen wäre.

Nur jetzt, als ich ebenfalls wie er nur eine Seele war, prallte er frontal gegen mich, woraufhin ich recht unsanft mit meinen vier Buchstaben auf den Boden gefallen wäre, wenn ich noch in meinem Körper gewesen wäre. Da dies aber nicht der Fall war, wurde ich durch irgendeine Kraft kurz über dem harten Boden aufgefangen. Xemerius ging es nicht anders. Nun sah er mich mit geschocktem Gesichtsausdruck und aufgerissenen Augen an.

„Wie…Du…Was?!?!“ Er schüttelte sich einmal durch und fing noch einmal an: „Wie kann das sein, Gwendolyn?“

Und wieder liefen mir meine Geistertränen mein Gesicht hinunter. Ich konnte ihm nicht antworten. Wie hätte ich ihm das denn erklären sollen?

„Du hast dich doch nicht etwa…“ Das Satzende ließ er unausgesprochen. Nun sah ich ihn schockiert an.

„Bitte was denkst du von mir? Ich würde doch nicht einfach mein Leben beenden, nur weil ich stunden-, wenn nicht sogar tagelang in einem kleinen Raum irgendwo unter der Erde gefangen gehalten und gefoltert wurde!“

„Du wurdest WAS?!“ Xemerius sah nun absolut schockiert aus. Kein Wunder, ich war hier gerade auch mit der Tür ins Haus gefallen.

„Ja, ich wurde vergewaltigt…“, sagte ich leise. Und dann erzählte ich ihm alles, was passiert war und ließ dabei kein Detail aus.

 

Mein Geist-Körper hatte auf irgendeine Weise wieder die Klamotten an, die während meiner Folter kaputt gegangen waren, wodurch mein dämonischer Kumpel nicht auf den ersten Blick die ganzen Wunden und Narben zu Gesicht bekommen hatte.

Doch nun, nachdem ich geendet hatte, forderte er mich auf, sie ihm zu zeigen. Zögernd zog ich mein T-Shirt ein kleines Stück nach oben, woraufhin man einen Teil der Narben sah. Scharf zog Xemerius die Luft ein und hielt sie an. Auch ich stockte bei dem Anblick, denn immerhin sah ich die Entstellung meiner selbst auch erst jetzt nun zum ersten Mal richtig.

Es sah sogar noch schlimmer aus, als ich anfangs gedacht hatte. Eine Narbe ging einmal über meinen ganzen Bauch und war damit die längste, die ich erblicken konnte. Sie fing an meinem linken Schulterblatt an, verschwand unter meinem BH und kam darunter wieder raus, bedeckte auch meinen Bauch bis hinunter zu meiner Leiste und verlief auch noch unter meiner Hose auf meinem Bein weiter.

Als Xemi alles begutachtet hatte, zog ich mein Oberteil wieder ordnungsgemäß an und sah ihn wieder an.

Er forderte mich auf, ihn zu meiner „Folterkammer“ zu führen, um sich ein eigenes Bild von meiner Lage und meiner Leiche machen zu können. Ich konnte nur nicken und trat durch die Wand hinaus in den Gang, wo noch immer die Wache postiert war.

Schnell huschten wir die vielen unterirdischen Flure entlang und durch die vielen Decken und Wänden hindurch. Schließlich fand ich den Raum wieder und ich war wirklich froh, dass mein Orientierungssinn mich ausnahmsweise man nicht im Stich gelassen hatte. Im Inneren war nach allem Anschein alles ruhig. Ich hatte zuvor noch Panik gehabt, dass sich jemand bereits um meine Entsorgung kümmern würde. Zögernd steckte ich meinen Kopf durch die dicke Tür, um noch einmal zu überprüfen, ob die Luft auch wirklich rein war.

Das Gefühl, durch einen Gegenstand ein Körperteil zu stecken, war noch immer recht ungewohnt und so musste ich meine Augen wieder für einen Moment schließen. Als ich sie wieder öffnete, wurde ich wieder mit allem konfrontiert und die Schmerzen, die ich hatte erleiden müssen, kamen mir wieder in Erinnerung.

Das Glück schien heute ausnahmsweise auf unsere Seite zu sein, denn der Raum war menschenleer – bis auf die Ausnahme meines leblosen Körpers.

Meinen gesamten Geist-Körper drückte ich durch die massive, stabile Eisentür und Xemerius folgte mir. Er war die ganze Zeit, seitdem wir uns auf den Weg in den Keller gemacht hatten, stillschweigend neben mir her gegangen, weswegen ich mir bereits Sorgen um ihn machte.

„Ach du meine Scheiße“, gab er nun bei dem Anblick meines entblößten und geschundenen Körpers von sich. Blitzschnell war er neben diesem und inspizierte alles. Dabei schien er sich ganz besonders um meine Wunde, wo mein Herz herausgenommen worden war, zu interessieren. Gebannt beobachtete ich ihn dabei und trat auch etwas näher. Ich war gespannt, was er sagen würde.

 

„Weißt du, wo dein Herz aufbewahrt wird?“, fragte er mich plötzlich in die Stille rein. Da musste ich erst einmal drüber nachdenken. Ich hatte nur mitbekommen, dass es einer der Widerlinge herausgeholt hatte und damit getürmt war.

„Nein, leider nicht. Wieso?“

„Ach nur so…“ Er machte einer seiner nachdenklichen Mienen und ich wusste, dass es nicht „nur so“ gewesen war. Doch ich hackte nicht weiter nach, da ich auch wusste, dass er mir keine weitere Auskunft geben würde. Zumindest jetzt noch nicht.

„Wir müssen jemanden auf das hier aufmerksam machen…“, murmelte Xemi vor sich hin. „Und da uns nur einer noch sehen kann, müssen wir ihn so schnell es geht hier her führen!“

Ich wusste gleich, wen er meinte.

Gideon.

Mein Gideon, der in zwei Tagen mit einem Zug wegfahren würde. Der, der im Moment wohl in Gefahr schwebte. Der, der wohl nun Zuhause saß und seinen Koffer packte oder gerade seine Augen aus dem Kopf weinte…

Ich hätte ewig so weiter machen können, hätte Xemerius mich nicht mit sich gezerrt und dabei auf mich eingeredet, dass wir so schnell wie möglich wieder da sein sollten, da die Psychos sonst wieder da sein würden, wenn wir mit Gid im Schlepptau wieder ankommen würden.

Also machten wir uns auf dem schnellsten Weg zu unserer Wohnung, um Gideon zu holen. Doch wie sollte ich ihm beibringen, dass ich nicht mehr unter den Lebenden weilte? Dass ich ihn nie wieder in den Arm nehmen könnte? Ihn nie wieder küssen könnte? Bei diesen Gedanken flossen mir abermals die Tränen über mein Gesicht.

Wie würde er reagieren?

Das alles schwirrte mir die gesamte Zeit im Kopf herum. Wieso musste auch alles so schrecklich kompliziert sein?

 

Xemerius zog mich in die U-Bahn, die, kaum, dass wir drinnen waren, auch schon losfuhr. Wir hätten zwar auch fliegen können, aber mit der U-Bahn war es doch sehr viel entspannter und hier konnte man sich auch nicht wirklich verirren. Außer natürlich, man verschlief die Haltestelle oder nahm den falschen Zug. Im Übrigen konnte man somit auch seine Kräfte schonen, was mir gerade wirklich recht kam, da ich im Moment mit den Gedanken wo ganz anders war und die Folter mir doch recht viel Kraft geraubt hatte, auch wenn ich nun nur noch ein Geist war.

Die Durchsage kam, dass wir gleich da sein würden und ich wurde noch hibbeliger als zuvor. Beruhigend strich Xemi mir über den Arm und ich zuckte unwillkürlich unter dieser nett gemeinten Geste zusammen. Früher hatte es sich kalt und Nass angefühlt, wenn der kleine Dämon mich berührt hatte, doch nun war es, als würde einer meiner Freunde, wie zum Beispiel Leslie oder Raphael, mich berühren. Schnell zog Xemerius seine Hand wieder weg und sah mich mitleidig an.

Als die Bahn endlich zum Stillstand kam und die Türen sich öffneten, stürmten wir geradezu aus dem Wagen und hoch an die Erdoberfläche.

Einige Straßen weiter lag die Wohnung, die Gideon und ich uns immer geteilt hatten. Es war unsere gemeinsame Traumwohnung gewesen und wir hatten uns nach ihr keine weiteren Wohnungen angesehen, denn einstimmig hatten wir beschlossen, dass wir diese Wohnung nehmen wollten. Es war eine nette Gegend hier, die Nachbarn waren eigentlich auch recht freundlich hier und die U-Bahn-Station war auch nicht weit entfernt.
Und genau das könnte nun unser Trumpf im Ärmel sein.

Ich machte mir noch immer Gedanken darüber, wie ich Gideon unter die Augen treten sollte. Immerhin war ich nicht mehr lebendig. Also eigentlich, denn mein Geist war ja noch immer hier auf der Erde vorhanden.

Wir standen nun direkt vor der Haustür und von drinnen konnte man Schluchzer und ein Geräusch, welches sich stark nach etwas anhörte, was an die Wand geworfen wurde und dort zerschellte, vernehmen.

Die Zweifel überkamen mich, ob ich das wirklich machen sollte. Aber er war laut Xemerius unsere einzige Hilfe, wie ich aus einem seiner Selbstgespräche entnehmen konnte…








Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

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