Forever And Ever - I Am Lost Without You


10. Die Ruhe vor dem Sturm


 

Gwendolyns Sicht

 

Und dann erzählten Gideon und ich aus unserer Sicht. Beide ein wenig anders, aber doch gleich. Und am Ende standen Raphaels, Grace‘ und Falks Münder sperrangelweit offen, denn wir hatten gerade unser bestbehütetes Geheimnis gelüftet.

Und nun wussten auch die drei, dass mein Schatz und ich unsterblich waren.

‚Endlich‘, dachte ich mir.

Leslie und Charlotte saßen hingegen ganz entspannt da, auch wenn man ihnen ansah, dass sie schockiert davon waren, dass ich wirklich gestorben war. Oder zumindest davon, dass ich für eine Weile wirklich tot war.

Bei Falk schienen gerade viele kleine Rädchen in seinem Kopf zu rattern, was man ihm sehr wohl ansah. Fehlte nur noch, dass Qualm aus seinen Ohren rauskam.

Und offenbar ging ihm gerade ein Licht auf, auch, wenn es aussah, als wäre es nicht nur eines, sondern gleich eine ganze Lampenabteilung in einem Bau- oder Möbelmarkt, die gerade eingeschaltet wurde.

„Nun wird mir so einiges klar…“, murmelte er vor sich hin, bevor er aufstand und Gideon und mich in eine Umarmung zog.

Raph hingegen sah uns nur leicht geschockt und mit großen Augen an und schien in eine Art Starre versunken zu sein.

Grace traten die Tränen in die Augen.

Auch sie zog uns, nachdem sie zittrig aufgestanden war, in eine Umarmung. Glücklicherweise war diese nicht allzu fest, ansonsten hätte ich nicht versprechen können, dass ich nicht umkippen würde.

„Dann kann euch also gar nichts passieren!“, rief Raph aus, wobei er sichtlich erleichtert über diese neu errungene Kenntnis war. Komisch, sonst brauchte er doch auch nicht so lange…

Grace hatte Gideon losgelassen, mich jedoch im Arm behalten. Flüsternd sagte sie zu mir: „Ich hatte so eine Angst um dich. Um Gideon zwar auch, aber in erster Linie um dich. Du weißt, welcher Tag heute ist, oder?“

Jetzt war ich verwirrt. Heute? Was war mit heute?

Angestrengt dachte ich darüber nach, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel.

„Dads Todestag“, hauchte ich.

Wie hatte ich das vergessen können? Nicholas war genau heute vor acht Jahren gestorben. Ich spürte, wie Grace nickte.

Ich konnte mir nur ansatzweise vorstellen, wie sie sich hatte fühlen müssen. Zuerst stirbt an diesem Datum ihr Mann und genau an seinem Todestag einige Jahre später dann auch noch die Tochter, auch wenn diese nur adoptiert war, die sie zehn Jahre lang gemeinsam aufgezogen hatten.

Tränen liefen mir über die Wangen und ich spürte, wie meine Mutter unter ihren Schluchzern zusammenzuckte.

Wir mussten bestimmt ein merkwürdiges Bild abgeben, wie wir jetzt gerade so hier standen, uns in den Armen hielten und unseren Tränen freien Lauf ließen.

„Gwenny…Was ist denn los?“, fragte mich Gid.

Nachdem wir wieder einigermaßen normal sprechen konnten, erklärten wir den restlichen Anwesenden, weshalb wir urplötzlich wieder so aufgelöst waren.

Nachdem wir geendet hatten, zog mein Freund mich an sich ran und sprach beruhigend auf mich ein. Falk tat dasselbe bei Grace.

Plötzlich schrie Charlie erschrocken auf. Ich machte mich auf alles gefasst, als sie anfing zu schreien:
„Ihr müsst sofort los!“

Was? Wieso mussten wir los? Ich verstand mal wieder gar nichts. „Hä?“, fragte ich deshalb ganz intelligent.

„Ihr müsst elapsieren! Ihr könntet jeden Augenblick springen!“ Das hatte ich nun sehr wohl verstanden. Wir hätten uns, wie ich mit einem Blick auf die Uhr feststellte, bereits seit längerer Zeit in Temple einfinden sollen. Diese Erkenntnis ließ uns alle wie die Irren durch das Haus rennen.

Gid konnte also das mit dem Duschen jetzt auch wieder vergessen.

Falk stellte sich etwas abseits des Chaos hin und wählte eine Nummer. Wie ich nach einiger Zeit feststellte, hatte er eine Verbindung mit der Loge aufgebaut und telefonierte nun mit Mr George. Einige Zeit später, wie viel wusste ich nicht, denn ich hatte nicht auf die Uhr gesehen, jedenfalls war bereits einige Zeit vergangen, seit er aufgelegt hatte, erklang ein Hupen von der Straße.

Die waren wirklich schnell gewesen, dachte ich mir, denn es waren gerademal wenige Minuten vergangen, seit er Mr George an der Strippe gehabt hatte.

„Die Limousine wartet!“, schrie Raphael, der am Küchenfenster stand und nach draußen auf die Straße sah. Von seiner Position hatte er wirklich einen wunderbaren Blick auf die nicht-vielbefahrene Straße.

„Raphi! Kreisch doch nicht das Haus so zusammen!“, schrie Leslie ihrem Freund aus der gegenüberliegenden Seite der Wohnung entgegen.
Wer schrie denn jetzt hier das ganze Haus zusammen?
Und RAPHI?!?! Durch den Kosenamen war mein Kichern vorprogrammiert.

Natürlich hatten mein Prinz und ich auch unsere niedlichen Spitznamen, aber RAPHI? Ich weiß ja nicht…

Mein Gid kam aus dem Badezimmer gestürzt, wo er sich sichtlich gekämmt hatte. War er vorhin noch verstrubbelt und mit abstehenden Haaren rumgerannt, so waren diese nun einigermaßen wieder geordnet. Scheinbar hatte er außerdem die Tür einen Spalt offen gelassen, denn ansonsten hätte er unmöglich Raphs und Leslies Geschrei gehört.

Schnell schnappte ich mir noch mein Handy, welches griffbereit auf dem Sideboard lag und verschwand mit den Worten „Ciao, bis später“ hinter Gideon durch die Tür.

Falk wollte mit Grace noch etwas unternehmen, damit sie auf andere Gedanken kam, Les und Raph wollten mit Charlie ebenfalls noch etwas unternehmen und somit waren sie alle ebenfalls mit aus unserem Haus gekommen.

Wir saßen in der Zwischenzeit bereits in unserer Limousine und gaben dem Chauffeur zu verstehen, dass er nun losfahren konnte.
Dies ließ er sich nicht zweimal sagen und somit schossen wir los in den Londoner Verkehr.

Mich plagte der Gedanke, dass wir jeden Moment in der Zeit springen konnten. Denn was, wenn ich mich mitten auf der Straße im 18. Jahrhundert stehen würde und eine Kutsche genau auf mich zu gerauscht käme? Ich wusste zwar, dass ich unsterblich war, doch ich denke, das wäre keine schöne Erfahrung gewesen und die Schmerzen würde ich ja trotzdem merken. Und außerdem war meine Kleidung nicht wirklich für eine andere Zeit vorgesehen.

Gideon, der neben mir auf meiner rechten Seite saß, bekam mein Unbehagen scheinbar mit, denn er strich mir sanft über den Rücken.

„Ist doch alles in Ordnung. Ich bin ja bei dir“, versuchte er mich zu beruhigen. Und das gelang ihm wirklich gut. Augenblicklich löste sich meine Verspannung und ich sah ihm in die Augen. Seine wunderbaren grünen Augen, die mich immer wieder ins Schwärmen brachten.

Ein verliebtes Seufzen war bei diesen Augen und generell bei diesem Mann, den ich mein Eigen nennen durfte, etwas, was man wirklich nur schwer und mit sehr viel Kraft und Wille unterdrückt bekam. Doch ich wollte es doch, also ließ ich es zu.

Verliebt schmunzelnd sah er mich an und ich konnte auch gar nicht mehr anders, als meine Lippen auf seine zu drücken.

Wie konnte ein Mann mich nur so aus der Fassung bringen wie er? Wie bekam er immer wieder diese Leere in meinen Kopf hin, wenn er mich küsste?

 

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte dieser Kuss gar kein Ende gehabt. Doch wie sollte es anders sein, steckte auf einmal Mr George seinen Kopf zur Türe herein und aus war es mit unserer Zweisamkeit. Der Wagen war nämlich schon längst zum Stillstand gekommen, wie ich feststellen musste, und wir waren bereits in Temple angekommen.

Ausnahmsweise gab es keine großartige Begrüßung wie sonst, sondern nur einen schnellen Wortwechsel.

„Ich hab‘ bereits erfahren, was bei euch zuhause vorgefallen ist und wir haben alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Niemand außer Falk, Dr. White und ich wissen dass ihr hier seid und dass ihr überhaupt noch am Leben seid. Außerdem wissen viele nicht einmal, was bei euch in eurer Wohnung vorgefallen ist. Also kommt unauffällig mit und achtet darauf, dass euch niemand, aber auch wirklich niemand, sieht. Oh, und außerdem: Macht schnell, sonst springt ihr noch unkontrolliert.“

Er flüsterte es, doch da er so nah an unseren Köpfen war, konnten wir ihn sehr gut verstehen. Schnellen Schrittes ging er voraus und wir ihm hinterher.

'Naja, schnellen Wortwechsel konnte man das ja eigentlich nicht wirklich nennen...'

„Der Mann ist ganz schön schnell für sein Alter“, flüsterte mir Gideon etwas außer Atem zu. Gott sei Dank hatte uns „Der Mann“ nicht gehört.

Wir gingen in das Gebäude hinein und machten uns auf den Weg in den Keller. Mr George ging extra durch einige Geheimgänge, von denen ich nicht gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab, da er sich sicher war, dass wir dort niemandem begegnen würden. Zu unserem Glück trafen seine Vermutungen zu und somit waren wir, ohne eine Menschenseele getroffen zu haben, heil im Chronographenraum angekommen, wo glücklicherweise auch niemand war.

Mr George stellte die Zeitreisemaschine ein und legte unsere Finger in das dafür vorgesehene Fach. Augenblicklich, nachdem die Nadel sich in mein Fleisch versenkt hatte, wurde die Umgebung mal wieder rot und keine Sekunde später stand ich in einem dunklen Raum.

Auf einmal wurde alles weiß und Gideon war auch da.

„Wieso hast du denn das Licht noch nicht angeschaltet?“, fragte er und bewegte sich auf mich zu. Das erkannte ich an seinen Umrissen, die ich nur erahnen konnte bei der Dunkelheit, die hier herrschte.

„Weil ich immer noch nicht weiß, wo der Lichtschalter ist und das bisher immer deine Aufgabe war“, gab ich ihm zurück.

Schnell drehte er sich um und einen Augenschlag später war der Raum hell erleuchtet.

„Viel besser, oder?“, fragte er mit seiner Engelstimme und kam auf mich zu. Ich wusste, dass es eine rein rhetorische Frage gewesen war, doch ich nickte trotzdem.

Als er direkt vor mir stand, konnte ich seinen Atem auf meiner Haut spüren, seine Wärme fühlen und seinen Geruch einatmen.

„Ich liebe dich“, hauchte ich an seine Lippen, bevor sie auf meine trafen.

Mein Gehirn verabschiedete sich erneut und so wusste ich auch später nicht mehr, wie ich plötzlich auf das Sofa gekommen war.

Naja, war ja auch eigentlich egal, solange Gideon bei mir war.

„Nur, weil ich das Licht angeschaltet habe, liebst du mich?“, fragte er gespielt erstaunt.

„Haha, sehr witzig“, antwortete ich und fing an, ihn zu kitzeln. Als er sich ergeben hatte, sagte ich zu ihm mit ernstem Ton: „Ich liebe dich, weil du einfach so bist wie du bist und immer für mich da bist, weshalb ich mich auch immer auf dich verlassen kann, nur du solche wunderbaren Gefühle hervorrufen kannst und ich nur bei deinen Küssen an nichts mehr denken kann. Ich liebe dich. Und zwar für immer und ewig für alle Zeit und auch in jeder Zeit, in der wir zusammen sind.“

Wow. Endlich hatte ich mal all das gesagt, was ich wirklich empfand. Tat echt gut, das mal los zu sein.

Gideon sah mich nur an. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht wirklich deuten. Es war auf jeden Fall irgendetwas zwischen Verwirrt- und Verwunderheit sowie Liebe und Freude.

„Ich liebe dich auch, Gwenny. Denn bei dir kann ich gar nicht anders, als die ganze Zeit zu lächeln, mich geborgen zu fühlen und so zu sein, wie ich bin. Du bist das wunderbarste Wesen, was mit je untergekommen ist, das Beste, was mir je passiert ist und nur du bringst bei mir diesen Beschützerinstinkt hervor und nur bei dir kann ich meine wirklichen Gefühle zeigen. Ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt. Ohne dich könnte ich wohl nicht mehr leben. Ich brauche dich, um zu überleben.“, antwortete er mir und mein Herz sprang mit jedem seiner Worte höher und höher und nun hatte ich es überhaupt nicht mehr unter Kontrolle.

In diesem Moment war ich wohl das glücklichste Mädchen oder sogar das glücklichste Wesen auf dieser Welt aller Zeiten. Gestern, heute und morgen. Und niemand konnte mir dies gerade nehmen.

Ich war so von seiner Rede bewegt, dass ich ihn nochmals küsste. Dieser Kuss wurde so intensiv, dass wir gar nicht mitbekamen, wie wir zurücksprangen. Erst, als Mr George sich geräuspert hatte, bemerkten wir, dass wir wieder im Jahr 2013 angekommen waren.

Irgendwann waren wir scheinbar während dem Kuss aufgestanden, denn ansonsten wären wir wohl jetzt auf dem Boden gelegen.

Mr George stand zirka drei Meter von uns entfernt und sah uns mit einem wissenden Blick an. Bestimmt dachte er nun mal wieder an seine Jugend und seine Liebe.

Mir war es schon lange nicht mehr peinlich, wenn wir beim Speichelaustausch, wie ich es gerne nannte, erwischt wurden. Und gerade in so einem Moment, in welchem man sogar fast noch höher als auf Wolke 7 schwebt, konnte mich nichts mehr aus der Ruhe bringen.

 

Wie man so schön sagt: Das war die Ruhe vor dem Sturm.










Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

Text & Design © 2012-2017 by &
Impressum