Forever And Ever - I Am Lost Without You


1. Aufbruch in die Vergangenheit


Ich war aufgeregt. Ich konnte es gar nicht in Worte fassen, denn immerhin würde ich heute endlich wieder meine Eltern sehen. Also meine Leiblichen, nicht meine sozusagen „Ersatzeltern“ bzw. „Ersatzmum“, denn Nicholas, mein „Ersatzdad“ war ja schon seit Jahren tot. Jetzt denkt man sich bestimmt, dass das ja eigentlich nichts unnormales ist, dass man seine Eltern sieht, doch bei mir war es das nicht, denn sie lebten in der Vergangenheit. Also ca. 100 Jahre vor heute. Zirka. Doch ich konnte zu ihnen, denn ich war eine Zeitreisende. Doch als Zeitreisende war ich nicht alleine, denn Gideon war auch ein Zeitreisender. Gideon. Er war mein Zeitreisebegleiter und mein Freund. Mein „fester“ Freund. Er war erst seit einigen Tagen mit mir zusammen. Und vor einigen Wochen kannten wir uns noch nicht mal. Und doch kam es mir vor, als würde ich ihn schon seit einer Ewigkeit gekannt haben. In der Zeit war schon so viel passiert...

Bei meiner letzten Begegnung mit meinen Eltern meinten sie, sie müssten uns bei unserem nächsten Treffen unbedingt etwas extrem Wichtiges sagen. Leider mussten wir damals genau in dem Moment ganz schnell wieder verschwinden, da sich das altbekannte Schwindelgefühl breit gemacht hatte, welches den Zeitsprung ankündigte. Ansonsten hätten sie es uns wohl schon das letzte Mal gesagt. Und das „nächste“ Treffen war heute.

Wir standen vor dem Chronographen, unserer „Zeitreisemaschine“, welche mit unserem Blut betankt wurde. So jedenfalls hatte ich es formuliert - Zusammen mit meiner besten Freundin Leslie. Ich sah Gideon an und er sah mich an. Ich ertappte mich dabei, wie ich in seinen Augen und seinem Anblick zu versinken drohte. Seine wunderschönen Augen und sein makelloses Aussehen und erst recht sein Körper… Gwenny! Reiß dich zusammen!

Gideon legte gerade seinen Finger in die für ihn vorgesehene Klappe an der Maschine, als ich wieder aus meinen Gedanken zurück in die Gegenwart kam. Er verzog sein Gesicht, als die Nadel sich in seine Fingerkuppe vergrub und daraufhin verschwand er in weißem Licht. Kurze Zeit später stand ich an seiner Stelle vor dem Chronographen und auch ich verzog mein Gesicht, als die Nadel in mein Fleisch stach. Doch ich verschwand nicht in weißem Licht, sondern die Umgebung, in der ich gerade noch gestanden hatte, wurde in rotes Licht getaucht, denn ich bin nicht der Diamant wie Gideon, sondern der Rubin. Und der hatte eben die Farbe Rot.

 

Nun stand ich hier in einem dunklen Raum. Ich fragte mich, warum Gideon das Licht noch nicht eingeschalten hatte, denn sonst macht er das doch auch immer. So langsam machte ich mir ernsthafte Sorgen. Ok, ich machte mir so gut wie bei jeder Gelegenheit Sorgen… Gedanken schnellten in meinem Kopf herum… Vielleicht war ihm hier jemand aufgelauert und hatte ihn gekidnappt. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Szene vorbeilaufen. Mein Gideon, wie er gefoltert wurde und sich nicht wehren konnte und irgendwann daran zerbricht, denn töten könnte man ihn ja nicht. Und alles nur, weil er den Stein der Weisen aufgegessen hatte und nun für immer unsterblich war. Genauso wie ich, nur musste ich gar nichts dafür tun, außer eben auf die Welt zu kommen. Mir wurde das in die Wiege gelegt und nur ich selbst kann mir mein Leben nehmen. Bei Gideon weiß ich gar nicht, ob er sterben würde, wenn er sich sein Leben selbst nehmen würde… Mein nächster Gedanke war, dass man mich vielleicht versehentlich in die falsche Zeit geschickt haben könnte…

Mein Kopf brummte aufgrund der vielen Gedanken so sehr, dass ich dachte, er müsse gleich platzen. Das wäre wahrscheinlich eine Heiden Schweinerei gewesen…

 

 

Ich merkte gerade, wie sich ein Schluchzen seinen Weg aus meinem Bauch nach oben suchte und raus wollte, da mir der Gedanke mit dem Kidnappen so real vorkam, da drückte mir jemand seine Lippen in meinen Nacken. Leider erschrak ich dadurch so sehr, dass ich kurz leise aufschrie. In dem Moment hörte ich ein Kichern hinter mir, welches sich immer mehr in ein Lachen verwandelte. Eindeutig, so konnte nur einer lachen… Gideon! Ich drehte mich zu ihm um, doch ich musste feststellen, dass er bereits nicht mehr dort stand, wo er gerade vor einem Moment noch gestanden hatte. Ich weiß immer noch nicht, wie er es machte, aber er war in kürzester Zeit am Lichtschalter, um das Licht einzuschalten und war blitzschnell wieder bei mir, um mich zärtlich zu küssen. Da unsere Zeit jedoch begrenzt war, lösten wir uns schnell wieder und Gideon streckte mir seinen Arm mit den Worten „Darf ich bitten?“ hin. Während er das sagte, zog er eine Grimasse, sodass ich gar nicht anders konnte, als anzufangen laut zu lachen.

Als ich mich einigermaßen wieder zusammengerissen hatte und Gideon schon leicht beleidigt aussah, nahm ich seine Einladung an und hakte mich bei ihm ein. Sein Schmollen war gespielt, was ich sofort erkannte, da er, wenn er wirklich beleidigt ist, seine Unterlippe nicht so sehr rausdrückt, wie er es gerade tat und kaum, dass ich mich eingehakt hatte, legte er mir auch schon seinen Arm um meine Taille und zog mich näher an sich. So machten wir uns auf den Weg durch das Labyrinth vom Chronographenraum zum Ausgang.

Unterwegs trafen wir keinerlei Wachen, was mir komisch vorkam und scheinbar ging es Gideon nicht anders, denn er beschleunigte augenblicklich seine Schritte.
Madame Rossini hatte mir ein wunderschönes Sommerkleid geschneidert, doch leider war damit das Rennen schier unmöglich und es war dazu auch absolut ungeeignet. Scheinbar fiel auch Gideon auf, dass ich durch das Outfit nicht so schnell laufen konnte, denn er nahm mich plötzlich hoch, warf mich über seine Schulter und fing nun endgültig an zu rennen. Es war ein lustiges Gefühl, wie ein Sack Kartoffeln über seinen Schultern zu hängen. Das letzte Mal, dass jemand so etwas mit mir gemacht hatte, war, als mein Vater, ähm, ich meinte Nicholas, noch lebte und ich noch um einiges kleiner war. Damals hatte ich auch noch nicht so viel gewogen wie jetzt...

Wir waren nun bereits an der Ein- und Ausgangstür, als ich merkte, wie meinem Freund die Puste ausging. Ich gab ihm zu verstehen, dass er mich nun wieder runterlassen konnte, was er dankend annahm und mit einem Kuss auf den Kopf quittierte, als ich vor ihm stand. Daraufhin setzten wir uns wieder in Bewegung, doch wir liefen nicht mehr so schnell, jedoch noch immer mit einem strengen Tempo, zu den Parkplätzen, auf denen in unserer Zeit immer alles voll mit Autos oder Touristen war. Nun jedoch tummelten sich hier etliche Kutschen. Es gab sie in vielen unterschiedlich Größen, Farben und auch Designs.

Während ich sie alle staunend betrachtete, denn immerhin sieht man nicht täglich solche kunstvoll verzierten Karossen, unterhielt sich Gideon kurz mit einem Kutscher und als er wieder zu mir zurückkam, sagte er: „Die Kutsche wartet nur noch auf Euch.“, und fügte fragend mit einem Grinsen im Gesicht hinzu: „Bereit?“, als er mir die Tür zur Kutsche aufhielt und mir hineinhalf.

„Bereit, wenn du es bist!“ Ich sah ihm tief in die Augen. Herrgott! Jetzt war ich ja schon wieder dabei, mich in ihnen zu verlieren. Er hatte aber auch so wunderschöne Augen. Wie konnte man nur so schöne Augen haben? Solche Augen gehörten verboten!

Als ich endlich drinnen saß, stieg auch er endlich ein und die Kutsche setzte sich in Bewegung. Gideon saß direkt gegenüber von mir und schien auch in meinen Augen versunken zu sein. Der Moment wurde immer länger und langsam wurde mir unbehaglich. Ich mochte seine Augen zwar auch, doch so langsam wurde es mir unheimlich. Wieso wusste ich selbst nicht. Deshalb fragte ich ihn beiläufig: „Was hast du eigentlich vorhin zu dem Kutscher gesagt?“

„Ähm… Was?“ Es schien mir, als habe ich ihn soeben aus seinen Gedanken gerissen. Erschrocken sah er mich an. Auf einmal entspannte sich seine Körperhaltung wieder.
„Ähm, ich hab ihn gefragt, ob er bereits belegt wäre und ob er uns zu deinen Eltern fahren könnte.“

Augenblicklich wurde er rot im gesamten Gesicht. So sah er, fand ich, nur noch süßer aus als sonst. Aber sonst war er natürlich auch süß. Aufgrund der Röte folgerte ich jedoch auch, dass das noch nicht alles gewesen war, was er dem Kutscher gesagt gehabt hat.

„Du verschweigst mir doch irgendwas, Gid!“, bemerkte ich deshalb und musterte ihn von oben bis unten. Das hatte ich mal bei einem Film gesehen. Irgendwie hatten die das geschafft, dass derjenige, der gemustert wurde, geredet hatte wie ein Singvogel. Seitdem versuchte ich das immer und immer wieder. Zu was Leslies Filmstunden doch gut waren.

 

 

Ich dachte zuvor ja noch, Gideon könnte gar nicht mehr röter werden, doch damit hatte ich mich wohl mehr als getäuscht. Er hätte nun ehrlich einer reifen Tomate Konkurrenz machen können. „Ähm,… ich…“, begann er seine Erklärung zu stammeln.

„Ja…? Ich warte…“, sagte ich geduldig. Nun war ich echt auf seine Erklärung gespannt.
„Also“, fing er erneut an, „ich hatte ihm eigentlich gar nicht gesagt, dass wir zu deinen Eltern fahren …“ Ganz toll. Das hieß wohl, er hatte mich vorhin angelogen. Vertrauen ade! Nun wollte ich erst recht wissen, was er dem Fahrer dann erzählt hatte… „Und was hast du dann zu ihm gesagt?“, sprach ich meine Gedanken aus.

„Naja,… Ich habe ihm so etwas erzählt wie, dass wir zu mir nach Hause fahren würden, weil wir dort ungestört wären. Und du weißt schon warum. Nun ja,… und der hat mir das sofort total abgekauft.“ Gideon war während seiner Erklärung immer leiser geworden und ich immer sprachloser, da ich mir nicht vorstellen konnte, warum er das zu unserem Fahrer gesagt hatte. Ich starrte ihn nur ungläubig an und merkte nun auch, wie die Farbe auch bei mir ins Gesicht stieg. Ich hätte wohl mit Gideon und der Tomate einen Wettbewerb führen können und gute Chancen auf den Sieg gehabt. Gideon schaute beschämt zu Boden.

„Aber wieso? Wieso hast du das gesagt und nicht einfach die Wahrheit?“, presste ich heraus. Das war schwerer, als ich gedacht hatte. „Da ich nicht sicher war, ob der Kerl auch bei den Wächtern ist, hatte ich gedacht, es wäre sicherer, ihm nicht zu sagen, wer wir sind oder dass wir zu deinen Eltern fahren wollen. Meinst du nicht, dass, wenn er dich zufällig mal gesehen hatte oder gar gekannt hätte, sie dort, wo wir jetzt hinfahren, dann noch sicher wären, da sie hier immer noch gesucht werden? Und der Graf würde dann womöglich wissen, wo er Lucy und Paul suchen muss. Und die Auswirkungen wären verheerend.“

Leise, weil ich es wohl nicht hören sollte, fügte er hinzu: „Und das wollte ich dir doch nicht antun…“ Er wollte wohl nicht, dass ich das hören konnte, doch ich hatte es sogar sehr deutlich verstanden, doch ließ ich es mir nicht anmerken, damit es ihm nicht noch peinlicher wurde. Obwohl es ihm nicht wirklich hätte peinlich seien müssen, denn ich fand echt süß, dass er sich so um mich und meinen seelischen Zustand kümmerte.

Die restliche Zeit verbrachten wir damit, schweigend vor uns hin zu starren und uns zwischendurch mal verliebte Blicke zuzuwerfen. Nach einigen Minuten hielt die Kutsche wieder an und Gideon öffnete die Tür. Ganz wie ein Gentleman hielt er mir die Tür auf und half mir aus der Kutsche heraus. Im Vorbeigehen gab ich ihm einen leichten Kuss auf seine Wange. Wir waren kaum ganz ausgestiegen, da fuhr der Kutscher auch schon wieder mit seiner Kutsche los und war auch nach einigen Sekunden wieder verschwunden. Gideon und ich gingen derweil auf die Tür des großen Hauses zu, in welchem meine Eltern wohnten.

Er ging vor und klopfte auch schon an. Einen Augenblick später wurde uns die Tür geöffnet und ein junges Mädchen von ungefähr 16 Jahren, wobei ich mir aber nicht wirklich sicher war mit dem Alter und welches wohl das Hausmädchen sein musste, schaute uns an. „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie uns mit einem eingespielten Lächeln. Gideon war schneller gefasst und antwortete auch, noch bevor ich überhaupt dazu gekommen wäre, aus meiner Starre zu erwachen. „Wir würden gerne mit Mrs und Mr Bernhard reden. Wir haben einen Termin.“, antwortete er. „Oh, natürlich. Folgen Sie mir bitte“, meinte sie mit ihrem aufgesetzten Lächeln und führte uns in die Aula. Hinter uns hatte sie alle Türen ordentlich geschlossen. „Einen Augenblick bitte, ich hole die Herrschaften.“ Mit diesen Worten verschwand sie in den ersten Stock, wo man nun kurze Zeit später einige aufgeregte Stimmen hören konnte. Gideon stand direkt neben mir, ich nahm seine Hand und hielt sie lange fest. Er sah mich kurz an, bevor er mir einen kurzen leichten Kuss auf die Wange gab. Ich flüsterte ihm währenddessen „Bleib bei mir und lass mich bloß nicht los!“ ins Ohr. Er nickte nur und sah mich wieder lächelnd an.

Wir wurden durch ein Räuspern aus unseren Gedanken zurückgeholt. Und daraufhin war ein lautes Husten zu hören. Eindeutig Dad. Er mochte es eigentlich überhaupt nicht, dass ich mit Gideon zusammen war, doch er war auf dem besten Weg, Gideon endlich zu respektieren und auch zu respektieren, dass Gideon und ich wohl für immer und ewig zusammen sein würden.








Zuletzt geändert: 14.11.2016 21:22:05

Text & Design © 2012-2017 by &
Impressum