Kurztexte



Schmerzen

Ihre Hände machen ihre einstudierte Arbeit. Mit der Zeit ist jede Bewegung und jeder Handgriff zur Routine geworden.
Täglich bindet sie den Verband um ihren Bauch – jeden Morgen aufs Neue.

Niemand weiß, dass sie das macht. Nach außen hin kann man ihn nicht einmal erahnen. Aber er lindert den Schmerz.

Wieder steht sie hier vor ihrem Spiegel in ihrem Zimmer und wieder durchfährt der Schmerz aus dem linken Bereich ihres Brustkörpers ihren Körper. Und wieder beißt sie die Zähne zusammen und winselt leise in sich hinein.
Sie will schreien, will, dass die Schmerzen endlich nachlassen.
Doch es wird nicht besser.

Stattdessen wird der Verband fixiert. Er soll sich nicht lösen.

Oft war sie schon bei verschiedenen Ärzten, doch keiner hat etwas gefunden. Irgendwann hat sie es aufgegeben. Es brachte doch eh nichts.

Von Tag zu Tag wird es schlimmer und nicht selten bekommt sie plötzlich keine Luft mehr. Doch sie gibt nicht auf.

Mit Abscheu betrachtet sie ihren Bauch, den Verband, der um diesen gebunden ist, und ihren restlichen Körper. Ihre rechte Hand findet aus Reflex und Gewohnheit automatisch die Stelle auf der linken Seite, von wo der Schmerz sich ausbreitet.

Langsam klingen die Schmerzen wieder ab. Es wurde wieder Zeit. Jeden Morgen ist es das Gleiche – seit sie den Verband benutzt. Davor haben die Schmerzen fast gar nicht nachgelassen.

Mit der Hand an der linken Seite starrt sie ihr Spiegelbild an, hofft, das Ende der Qual irgendwo in sich sehen zu können. Doch nichts.

Stattdessen nimmt sie ihr Oberteil und zieht es sich über. Niemand darf den Verband und die damit verbundenen Leiden sehen.

Die Routine nimmt ihren Lauf. Der Check, ob man wirklich nichts von dem allen sieht und dass der Verband keine Falten schlägt.

Mit dem Ergebnis ist sie ganz zufrieden.

Noch ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und sie dreht sich zum Gehen um.
Bereits einen kleinen Schritt hat sie hinter sich gebracht, da durchsticht sie mitten in der Bewegung ein solch starker Schmerz aus der linken Seite, dass sie plötzlich die Kraft verliert. Die Beine knicken unter ihr weg und alles, was sie noch wahrnimmt, ist der stechende Schmerz.
Den Aufschlag auf dem harten Boden spürt sie nur gedämpft.

Alles, was sie im Moment will, ist, dass es aufhört.

Mit beiden Händen presst sie auf die Stelle, doch es hilft nichts mehr. Sie hat auch keine Kraft mehr, um Hilfe zu holen.

Kann nicht schreien und ans Aufstehen ist gar nicht zu denken.

Ihre Umgebung verschwimmt vor ihren Augen. Der Blick entweicht ihr von Sekunde zu Sekunde mehr.
Der Schmerz übernimmt die Kontrolle.

Sie windet sich, schnappt nach Luft. Keiner ist da, um ihr zur Seite zu stehen.

Ihr Herz rast und ihr Kopf pocht. Kann keinen richtigen Gedanken mehr fassen. Schweiß bricht aus.
Sie hatte es kommen sehen. Es hat so kommen müssen.
Doch niemand anderes hat es geahnt. Niemand wusste, was sie in der Zeit durchmachen und welche Schmerzen sie erleiden musste.
Jetzt war es zu spät.

 

Ihr Handy klingelt. Dann plötzlich wieder Stille.
Der Anrufer versucht es ein weiteres Mal. Vergeblich. Niemand hebt ab, niemand meldet sich. Nichts.

Das Klingeln verstummt wieder. Kein Atem ist mehr zu hören. Der Anrufer hat endgültig aufgegeben.

Sie auch. Mit dem ersten Klingeln hat sie ihren letzten Atemzug getan. Sie wusste, dass es vorbei war. Sie hat den Kampf verloren.

Nun herrscht Ruhe. Für immer. Keine Schmerzen mehr…

~Ann-Kathrin Kälberer feat Rebecca Cowly *15/16.04.2014~

































Zuletzt geändert: 22.05.2017 09:59:05

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