Kurztexte



Im Regen

Es regnet. Aber das ist in den letzten Tagen schon zur Gewohnheit geworden. Über dem gesamten Himmel hängt seit Wochen eine undurchbrechbare Wolkenmasse, die keinen noch so kleinen Sonnenstrahl durchlässt. Alles ist grau, trostlos und kalt. Der Himmel gleicht der Straße, auf der ich im Moment laufe. Ich fühle mit dem Wetter; trostlos und kalt. Niemand hier, mit dem ich reden könnte – aber will ich das überhaupt? Will eigentlich Ruhe und ein wenig Zeit für mich.

Zu Hause bekomme ich noch den Hass. Jeder macht das, was er will und jeder andere trägt die Schuld, wenn irgendetwas schiefläuft. Niemand ist an dem eigenen Missgeschick verantwortlich. Und ich, die sich so gut es geht, aus diesem „Ich bin ein Engel und alle anderen sind an allem Schuld“-Drama versucht herauszuhalten, bekomme dabei das meiste ab. Die anderen merken dabei nicht einmal, dass sie sich selbst zerstören. Aber sollen sie ruhig machen. Mir ist das egal. Vielleicht kommen sie ja irgendwann wieder zur Vernunft. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Da mir aber momentan diese ewigen Streitereien dermaßen auf den Geist gegangen sind, bin ich raus. Einfach weg. Raus auf die Straße, wo ich jetzt stehe. Mit den Regenwolken über mir, den Tropfen überall sowie der Kälte und Nässe an meinem gesamten Körper. Alle meine Glieder schmerzen. Das Zittern durch die relativ niedrigen Temperaturen beherrscht meinen ganzen Körper und das Aufeinanderschlagen meiner Zähne erfüllt die Stille dieser Gegend. Nicht einmal Vögel sind zu hören. Deren Gezwitscher würde mich vielleicht ein wenig auf andere Gedanken bringen. Doch nichts. Alleine.

Ein Motorengeräusch macht sich bemerkbar. Ein Blick zurück zeigt: Ein Auto kommt auf mich zu. Ich - auf dem Bürgersteig - laufe weiter. Näher und näher kommt das Fahrzeug – und dann ist es vorbei. Die Pfütze neben mir hat volle Arbeit geleistet; meine Kleidung hat jetzt noch mehr Feuchtigkeit als zuvor intus und zu allem Übel ist sie nun auch noch mit einer dicken Schicht Schlamm überzogen.

Jetzt hab ich endgültig genug von diesem Tag. Wo bleibt mein verdammter Schutzengel? Alles läuft den Bach hinunter – im wahrsten Sinne des Wortes. Hundegebell erreicht meine Ohren und Panik macht sich breit. Seit Jahren habe ich furchtbare Angst vor den Tieren, die viele Leute gerne als Haustier halten. Seitdem, dass mich in meiner Kindheit ein Hund angesprungen, mich dabei zu Boden gerissen und sich auf mich gesetzt hat und nicht mehr runterwollte. Das war wirklich ein wunderbarer erster Eindruck von diesen Wesen.
Zum Glück läuft die Hundebesitzerin mit ihren „Kleinen“, wie sie ihre Schützlinge ruft, auf der anderen Straßenseite an mir vorbei. Die Hunde sind alles andere als klein. In Gedanken male ich mir bereits aus, wie die beiden über mich herfallen und mich zerfleischen.

Ein Schütteln holt mich wieder in die Realität zurück. Das passiert mir öfter, dass mein Körper mich durch einen Impuls durch den gesamten Körper wieder aus den Gedanken reißt. Gut, ich will auch gar nicht mehr daran denken. Die Hunde sind bereits außer Sichtweite und ich setze meinen Weg wieder fort – immer weiter und weiter. Die Gegend, wo ich mich nun befinde, kenne ich nicht einmal, doch wirklich Rücksicht nehme ich nicht.

Alles, was ich will, ist weglaufen. Von den Problemen zu Hause, wobei ich mich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wie die Streitereien überhaupt begonnen haben, und anderen Dingen.
Will einfach weg. Brauche diese Zeit für mich.
Alleine. Hier im Regen.


~20.12.2013~





























Zuletzt geändert: 22.05.2017 09:59:05

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