Kurztexte



Im Tode vereint

Was er mit ihr machte, wusste sie selbst nicht. Er machte sie zu einem anderen Menschen. Und sie wusste, sie mochte das.

Da, wo sie zuvor immer kalt war, war nun Wärme. Sie fühlte, genoss jeden Moment in vollen Zügen. Es war, als sei sie wie ausgewechselt. Jeder Augenblick war von nun an wichtig, sie wollte nichts mehr verpassen. Das erste Mal seit Jahren lebte sie wieder.

Doch das wichtigste, was er an ihr verändert hatte, war ihr Herz.

Sie liebte. Und wie sie liebte! Er verursachte in ihr ein gewaltiges Feuerwerk aus Gefühlen, wenn er bei ihr war oder wenn sie auch nur an ihn dachte. Niemals hatte sie etwas Derartiges empfunden und nie hätte sie sich vorstellen können, dass sie es erleben dürfte. Und doch war es jetzt da.

Sie stand morgens mit einem Lächeln auf den Lippen und ihm in ihren Gedanken auf, ging hinaus und ließ sich ihre gute Laune von nichts und niemandem nehmen. Stattdessen verstreute sie sie an alle, die ihr über den Weg liefen. Von der gefühlskalten Frau war nichts mehr übrig.

Er hatte sie verändert. Zum Besseren. Und das bei einem Mädchen, das man bereits abgeschrieben, dem man nichts mehr zugetraut hatte.

Und er war sich sicher: Sie war die Richtige für ihn. Er wollte keine andere. So wie sie keinen anderen wollte. Niemand war besser für die beiden als sie.

Abends schlief sie immer mit einem zufriedenen Lächeln ein und dachte dabei noch immer an ihn. Bis sie eines Tages entschlief. Und nicht mehr aufwachte.

Es brach ihm das Herz. Sie war sein Herz, sein Ein und Alles gewesen, doch sie war gegangen. Ohne ein Wort des Abschiedes. Nur noch ihr Computer mit ihrer Festplatte war übrig geblieben.

Keine losen Blätter. Nur Dateien. Dateien über Dateien.

Nachdem er die Nachricht erhalten hatte, man habe auf ihrem Arbeitsspeicher noch etwas gefunden, was ihn anging, rannte er förmlich. Er musste das einfach sehen.

Es gab tausende von Dateien. Tausende von Texte, von denen niemand bisher gewusst hatte. Und fast jeder handelte von ihm.
Tagelang durchforstete er alle Dateien. Öfter musste er einfach innehalten, weil ihn die Tränen übermannten.

„Wie sehr ich ihm danke. Was wäre ich nur ohne ihn? Ein Nichts. Ein Niemand. Jeden Tag frage ich mich erneut, womit ich ihn eigentlich verdient habe. Er ist doch so wunderbar, wie kann jemand wie ich nur solch ein Geschöpf verdienen? Ich liebe ihn einfach. Habe Angst, ihn zu verlieren. Verdammt, ich bin schon furchtbar abhängig! Aber ich liebe diese Sucht nach ihm. Es lässt mich leben.
Und ich danke ihm einfach nur. Dafür, dass er jeden Augenblick, den ich mit ihm verbringe, zu einem Besonderen macht. Manchmal auch einfach nur mit seiner Anwesenheit.“

Er liebte sie. Er liebte sie über alles und jeden. Doch diese Worte brachen ihm das Herz. Wie sollte er so weiterleben? Ohne sie? Es gab doch niemanden außer sie.

Einen Monat später war auch er entschlafen. Auf den ersten Blick auch einfach eingeschlafen und dann nicht mehr aufgewacht, doch es war anders. Am Abend zuvor hatte er eine Überdosis Tabletten genommen. Beruhigungstabletten. Zu viele und sein Herz hatte sich verlangsamt, bis es schlussendlich aufgehört hatte zu schlagen.

Nun war er wieder mit ihr vereint. Im Tode vereint. Dort, wo niemand mehr sie trennen konnte. Für immer.




~ Ann-Katbrin Kälberer * unbekannt ~




























Zuletzt geändert: 22.05.2017 09:59:05

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