Kurztexte



Herbst

Die Kurzgeschichte


Gebannt sah sie aus dem Fenster. Wie lange sie nun schon auf der Straße unterwegs waren, wusste sie nicht. Aber bestimmt schon seit mehr als drei Stunden.
Andauernd änderte sich die Landschaft - Genauso wie die Musik, die durch ihre Kopfhörer an ihr Ohr drang.
Das Radio sowie die Moderatoren waren ihr bereits nach den ersten fünf Minuten auf den Keks gegangen. Da kam immer wieder dasselbe. Die Charts wurden hoch und runter gespielt, doch etwas anderes lief nicht. Doch genau die Songs, die nie gespielt wurden, gefielen ihr am besten und daher hatte sie diese auf ihrem MP3-Player auf Dauerschleife gestellt.
Während ihr die Musik ungedämpft in ihr Ohr drangen, ließ sie ihren Blick aus dem Fenster schweifen.
Draußen war der Himmel ein wenig mit Wolken bedeckt, doch man sah hin und wieder etwas von dem strahlend blauen Himmel, der über den Wolken herrschte.
Die Bäume am Straßenrand und auch in den naheliegenden Wäldern begannen langsam braune Blätter zu bekommen - Es wurde Herbst.
Den Herbst fand sie schon immer spannend. Alles wurde in Gelb-orangene Farben getaucht.
So wie auch die Felder, an denen sie gerade vorbeifuhren.
Wie gerne würde sie jetzt dort draußen herumrennen, die frische Herbstluft einatmen und den Wolken beim Weiter- und Vorbeiziehen zusehen.
Doch ihre Eltern, die vor ihr auf dem Fahrer- und Beifahrersitz saßen, hatten andere Pläne. Sie wollten Bekannte besuchen. Und dafür würde die Fahrt wohl oder übel noch etwas mehr als zwei Stunden dauern.
Und so saß sie weiterhin auf dem Sitz, der ihr von Minute zu Minute härter und unbequemer vorkam, und langweilte sich.
Ihre Musik war ja ganz nett, aber mit der Zeit wollte sie sich bewegen. Von dem ganzen Stillsitzen war sie schon total verspannt, sodass sie ihre Muskeln mehr und mehr spürte. Alles tat weh.
Langsam musste sie auch aufs Klo. Ihre Blase drückte immer mehr und so machte sie ihre Eltern auf sich aufmerksam.
Gleich würde eine Raststätte kommen, doch ihre Eltern wollten nicht unbedingt für den Toilettengang bezahlen.
Und so fuhren sie vorbei.
Ein wenig später passierten sie ein Schild, auf welchem geschrieben stand, dass in einem Kilometer eine öffentliche Toilette kommen würde.
Sie mochte solche zwar nicht sonderlich, aber besser war es allemal. Ansonsten müsste sie noch weiter hier sitzen und sie könnte nicht aufs Klo gehen.
So sehr hatte sie sich auf das Bewegen an der frischen Luft schon lange nicht mehr gefreut.
Ein erleichtertes Aufatmen war im ganzen Auto zu hören.
Ihren Blick hatte sie nun auf die Straße gerichtet, wo andere Autos sie überholten.
Ihre Zehen ließ sie zur Musik wackeln - was anderes hatte sie nicht zu tun. Schreiben konnte sie bei dem Hin-und Her-Geruckel hier nicht und vom Lesen wurde ihr im Auto immer so schnell schlecht.
Durch die Bewegungsfreiheit ihrer Zehen fiel ihr jedoch auf, dass sie ihre Schuhe noch nicht wieder anhatte. Wäre es anders gewesen und sie hätte die Schuhe die gesamte bisherige Fahrt angehabt, hätte sie schon die letzten Stunden nicht überlebt.
Ihre Schuhe drückten immer so sehr, wenn sie mit dem Auto unterwegs war - zumindest, wenn es eine so lange Fahrt war wie heute.
Endlich beide wieder gebunden, sah sie wieder durch die Windschutzscheibe hinaus auf die Autobahn, wo die Ausfahrt zu den lange ersehnten Toiletten von Sekunde zu Sekunde näher kam.
Zuvor erweckte jedoch eine kleine Tüte ihre Aufmerksamkeit. Sie lag mutter-seelen alleine auf der Straße herum und bei genauerem Betrachtens konnte man sie als eine einfache Plastiktüte einer Bäckerei identifizieren.
Die Tüte flatterte, im Gegensatz zu den anderen, die sie bisher gesehen hatte, nicht im Wind über die Autobahnstreifen, sondern blieb felsenfest an ihrer Stelle liegen.
Ihren Eltern schien das jedoch nicht aufgefallen zu sein und so fuhren sie darüber hinweg.
"Das war ein Fehler", war der Gedanke des Mädchens, als sie den Knall hörte.
Das Auto wurde in die Luft geworfen, ein Schrei war zu hören, ehe das Fahrzeug mit seinen Insassen einige Meter weiter auf dem Asphalt aufschlug.
Ihr letzter Gedanke, bevor alles schwarz wurde, war:

»Herbst«
.




Nachwort zu "Herbst"



Die kleinen Dinge machen unser Leben aus. Das sollte diese Kurzgeschichte zeigen.
Denn was wäre geschehen, hätten die Eltern ihre Tochter aus dem Auto gelassen?
Oder wenn sie gar nicht erst losgefahren wären?
Oder auch wenn ihre Eltern die paar Cent für die Toilette bezahlt hätten?
Was wäre gewesen, hätten ihre Eltern die Tüte gesehen und wären aufgrund dessen vielleicht ausgewichen oder schon von vorne rein auf einer anderen Spur gefahren?
Es wäre nicht zu der Explosion unter ihrem Auto gekommen.
Oder aber, wenn sie nur ein kleines bisschen langsamer gefahren wären. Vielleicht hätte dann die Explosion bereits stattgefunden.
Doch dann hätte es ein anderes Fahrzeug erwischt. Andere Menschen wären gestorben.
Andere, die sich vielleicht keine Gedanken um den Herbst gemacht haben; die sich einfach nur auf den Verkehr konzentriert hätten.
Doch dies sind nur vage Vermutungen.
Was wir damit jetzt eigentlich genau sagen möchten:
Die kleinen Dinge, und wenn sie uns noch so unwichtig vorkommen mögen, können den Unterschied machen. Selbst ein Toilettengang kann ein Leben retten - oder aber beenden.
Doch woher soll man wissen, dass so etwas passieren kann?
Ausgerechnet an dem einen Tag. Genau in der Sekunde. Just in dem Moment.
Es ist Schicksal - oder doch einfach nur Zufall?
Wir sollten mit offenen Augen durch die Welt gehen und dabei jedes noch so kleine Detail beachten.
Denn diese machen uns aus; unser Leben und diese Welt, in der wir wohl oder übel leben.
Wir hoffen, wir haben Sie mit unserem Text zum Nachdenken angeregt, denn das war es, was wir ursprünglich wollte;
Ihnen ein wenig die Augen öffnen.

In diesem Sinne,
Ann-Kathrin Kälberer und Rebecca Cowly











Zuletzt geändert: Fr, den 02.05.2014 um 14:57

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