Kurztexte



Fenstersims

Wenn sie aus ihrem Fenster schaut, sieht sie die vielen Häuser um sie herum, mit den vielen schönen Gärten und den Kindern, die draußen spielen. Sie sieht dort Hunde und Katzen sowie Vögel, die vorbeifliegen. Am Horizont geht gerade die Sonne in leuchtenden Farben unter und langsam wird es am Himmel über ihrem Haus dunkler.

Verträumt lässt sie ihre Beine aus dem Balkonfenster baumeln. Sie hat keinen Balkon. Dieser sollte zwar da sein, jedoch wurde er schlichtweg vergessen und dann aufgeschoben. Bis heute weiß sie nicht, wann er denn nun gebaut werden soll.

Mit ihren Händen hält sie sich an dem Fenstersims fest, ein Fuß berührt den Balken, der für den Balkon vorgesehen war. Sie liebt diese Freiheit, die sie spürt, wenn sie hier sitzt. Sie liebt den Ausblick, das Gefühl, sie würde über der Erde da unten schweben.

Und sie liebt es, dass sie die Macht über das hat, was passiert. Sie könnte runterspringen, wenn sie wollte. Sie könnte sich einfach abdrücken und würde dort unten auf dem Boden aufschlagen. Oder sie könnte auch einfach aufstehen und wieder ins Innere ihres Zimmers gehen.

Sie fühlt sich wie die Herrscherin über Leben und Tod. Sie weiß, sie wird es nicht wagen, sich von hier in den Tod zu stürzen, doch die Vorstellung daran, dass sie es könnte, gefällt ihr auf merkwürdige Weise. Alles ist auf einmal so leicht. Egal, wie man es dreht.

Der Wind weht ihr an den Beinen entlang. Langsam wird es doch frisch, denkt sie sich.

Mit starkem Schwung stellt sie sich wieder hin und geht zurück in ihr Zimmer. Ihr gefällt zwar die Vorstellung, dass sie über Tod und Leben entscheiden kann, aber im Endeffekt will sie das doch nicht. Nicht sie. Nicht heute. Nicht hier. Und im ganzen gesehen eigentlich gar nicht.

Ann-Kathrin Kälberer*19.06.14 23:39













































Zuletzt geändert: 22.05.2017 09:59:05

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